In der Subura gibt es andere Dinge, als auf den Märkten

  • Flamma hatte mich ja darum gebeten, ihn heute hier herzuführen, und auch mein Herr wollte, dass der Gladiator heute eine lange Zeit außer Haus wäre, um die Hochzeit vorzubereiten. Auch Kara war mehr oder weniger aus dem Haus verbannt worden, aber sie war nicht mit uns unterwegs. Nur Flamma und ich streiften durch die Subura, was mir ehrlich gesagt ziemliche Angst bereitete. Wie schon bei unserem letzten Ausflug hielt ich mich an seiner Hand fest, nur dieses Mal drückte ich sie noch ein wenig fester. Hier war weit mehr zwielichtiges Gesindel unterwegs als in den Wohngegenden der edleren Familien Roms. Natürlich war nicht die ganze Subura schlecht. Hier wohnten auch sehr viele normale Menschen, die einfach nicht reich genug für ein eigenes Haus oder eine Mietwohnung in einer schönen Gegend waren, und auch die Händler waren nicht alle schlecht, zumindest entlang der Hauptstraße durch diesen Bereich, dem Clivus Suburanus. Dennoch wäre ich lieber nicht hier.


    Ich hatte mich auch noch bei den anderen Sklaven erkundigt, ob sie jemanden wussten, der Sklaven tätowieren konnte. Ihre Reaktionen waren der meinen nicht unähnlich gewesen, denn für alle von uns wäre das eigentlich eine Strafe gewesen. Aber nichts desto trotz hatte ich so nun Gewissheit, dass der Name, den ich kannte, der richtige war, und so standen wir schließlich vor der Taberna im Erdgeschoss eines mehrstöckigen Hauses, wo Flamma seinen Wunsch erfüllt bekommen sollte. “Die Frau heißt Arete“, klärte ich Flamma auf, ehe wir eintraten.


    Hinter der offenstehenden Tür, so dass Licht einfallen konnte, saß auch eine ältere, hager wirkende Frau. An den Wänden hingen allerlei Holzinstrumente, die ich nicht benennen konnte, und die Luft roch ein wenig nach Blut. Mir gefiel es hier ganz und gar nicht, ich fand es sehr unheimlich. Es war zwar sauber, aber dennoch fand ich es ziemlich gruselig.

  • Ich hielt Dede Hand und versicherte ihr mehrfach, dass ihr nichts passieren würde und ja ich ließ sie nicht los. Alle Sklaven, die sie gefragt hatte, wo wie jemanden fänden, der Sklaven Zeichnungen auf die Haut machte hatten ähnlich entsetzt geschaut. Es wäre doch eine Strafe und so weiter. Nun ich hatte die Zeichnungen auf meiner Haut nie als Strafe gesehen. Sie wurden jedem der sich Gladiator nannte auf beziehungsweise unter die Haut gestochen. Es war eher wie ein Ritual, dem alle Gladiatoren des Ludus beiwohnte um nach Fertigstellung den Bruder in ihrer Mitte aufzunehmen. Im Laufe der Jahre waren auch einige mehr hinzugekommen. Es hieß es ist zu unserer Sicherheit, damit man uns immer erkannte. Gut es war wohl eher ihre Sicherheit gewesen, denn wir konnte diese Zeichnungen nicht verstecken sonder trugen sie offen, denn ja sie zierten meinen kompletten rechten Arm und auch mein Rechtes Bein war mit den Zeichnungen übersät. Aber es gab auch einige Brüder die aus dem Norden kamen, die solche Zeichnungen hatten, sie trugen sie mit Stolz, da sie ihre Herkunft und Stammeszugehörigkeit zeigten. Ich sah also jedes Mal fragend zu den Sklaven, die uns erklärten, das es eine Strafe wäre. Als sie dann meine Zeichnungen sahen, waren sie immer recht schnell verstummt. Denn ja jeder wirklich jeder kante die Zeichnungen und wusste was ich war oder was ich gewesen war. So betraten wir nun also den Laden einer älteren Frau deren Name mir Dede noch mitteilte. Ich nickte ihr dankbar zu und hier auch hier weiter ihre Hand. „Salve Arete.“ grüßte ich freundlich aber neutral. „Man sagt mir du fertigst Zeichnungen auf der Haut an? Ich hätte gern eine.“

  • Als wir eingetreten waren, blickte die alte Frau auf und musterte uns. Ich konnte regelrecht sehen, wie ihr Blick bei mir belustigt war, bei Flamma aber wachsam. Ich wollte gar nicht wissen, wie viele Sklaven und andere die Frau hier schon in ihrem Leben gesehen hatte. Mir machte sie Angst, wie alles in diesem Laden hier, und ich blickte einfach nur zu Boden, wie man es mich als Sklavin gelehrt hatte, und bemühte mich, möglichst unsichtbar zu sein.


    Arete hingegen blickte zu Flamma auf und deutete mit der Pfeife, die sie in der Hand hielt und die einen süßlichen Geruch verströmte, auf den einfachen Hocker vor sich. “Du scheinst mir so, als hättest du schon ein paar davon“, sagte sie mit einer seltsam rauen Stimme. Sie zog an ihrer Pfeife, von der ein leichter, bläulicher Rauch aufstieg, und atmete ihn langsam durch die Nase aus.

    “Hast du denn Geld, Sklave? Und was sagt dein Herr dazu? Die alte Arete will keinen Ärger haben, Ärger kostet extra.“

  • Die Alte war genau wie jene die in den Ludus kam. Ich sah sie einfach nur an und ließ mich nicht einschüchtern oder der gleichen. Ich drückte Dede Hand ein wenig mehr, damit sie wusste, dass auch sie keine Angst haben musste. „Ich habe Geld.“ Sagte ich nur und setzte mich auf den Hocker. „Mein Dominus, ist der Meinung, das es mein Körper ist.“ Mehr sagte ich nicht dazu, denn natürlich hatte ich den Dominus gefragt, der hatte zwar die Stirn gerunzelt, weil er es wohl auch als Strafe ansah, nachdem ich ihm aber erklärt hatte was ich wollte und warum hatte er nur genickt und seine genauen Worte waren eben jene gewesen. 'Flamma es ist dein Körper.' Nun sah ich die Alte direkt an. „Also kannst du es tun oder nicht?“ Fragte ich und holte ein Stück Papier hervor und reichte es der Alten. „Kannst du das?“ Denn ja ich wollte genau dies Zeichnungen haben, wenn sie es nicht konnte würde ich eben beim Ludus nachfragen, die kannten auch so eine Frau, die kam schließlich immer zu uns und kannte mich. Sie wäre wohl dankbar für das extra verdiente Geld.

  • Die Alte nahm die Zeichnung an sich und besah sie sich. Sie kräuselte die Lippen und nickte. “Ja, kann ich. Das dauert ein paar Stunden. Aber das weißt du ja. Wo willst du die Zeichen haben? Und so groß wie auf dem Papyrus?“

    Und sie hielt ihm die Hand hin. Ihre Finger waren schwarz von der vielen Tinte, die sie anderen unter die Haut gestochen hatte. Scheinbar machte sie sich nicht mehr die Mühe, zu versuchen, sie am Ende des Tages wieder wegzuwischen, so dass ihre Finger im Laufe der Zeit glänzend schwarz geworden waren. “Und ich will mein Geld im Voraus. Fünfzig Sesterzen.“ Der Preis war unverschämt hoch für ein paar Stunden Arbeit inmitten der Subura, aber die Frau sagte es mit eiserner Stimme. Sie hatte die Kleidung der beiden Sklaven inspiziert, die kamen aus guten Haus, da konnte sie mehr verlangen.

  • Ich konnte nur mit äußerster Mühe ein Augenrollen unterdrücken. „Ja genau die Größe auf den linken Unterarm.“ Sagte ich, als sie dann ihren Preis nannte sah ich sie an, und nahm das Blatt wieder an mich. „Gute Frau, ich danke dir für deine Zeit. Aber du weißt selbst, dass dein Preis zu hoch ist.“ Ich hatte mich nun wieder zu meiner vollen Größe aufgerichtet. „Wie du selbst schon bemerkt hast, habe ich bereits einige dieser Zeichnungen und kenne die Preise.“ Denn ja ich wusste ungefähr was der Ludus bezahlte. „Ich werde mich einfach an jene wenden, die mit bisher diesen Dienst erwiesen hat.“ Sagte ich und war bereit zu gehen. Ja ich zockte gerade, natürlich konnte ich im Ludus fragen, aber dann hätte ich diese Zeichnung nicht bis morgen auf meiner Haut, aber ja das Risiko ging ich bewusst ein, den ja ich kannte die Preise hier in der Stadt nicht, aber ich bemerkte schon, wenn man mich ausnehmen wollte.

  • Die Augen der Frau verengten sich. “Du meinst den Stümper, der dir irgendwas auf die Haut gestochen hat, Hauptsache, es hält?“ meinte sie abfällig und nahm noch einen Zug aus ihrer Pfeife, “Ich kann dir Zauber unter die Haut weben, wenn du dafür bezahlst. Bei mir bekommst du das, was du willst. Woanders bekommst du irgendwas.“

    Sie sah einmal zu Flamma auf und meinte dann noch immer ganz ruhig: “Fünfundzwanzig.“

  • Ich sah die Alte nachdenklich an. „Ich will keine Zauber.“ Sagte ich betont gleichmütig, denn nein wenn ich etwas nicht wollte, das irgendwer irgendwelche Zauber unter meinen Haut webte. Darauf konnte ich getrost verzichten. „Nur das was auf der Vorlage ist.“ Dann ließ ich 25 Sesterzen in die Hand der Alten fallen und setzte mich wieder, damit sie mit ihrer langwierigen Tätigkeit beginnen konnte. Ich sah zu Dede. „Das hier dauert eine ganze Weile.“ Sagte ich entschuldigend, denn ich wusste ja wie viel Zeit das in Anspruch nahm.

  • Die alte holte ein kleines Tischchen, auf das Flamma seinen Arm legen sollte, ein Schälchen mit Tinte, etwas, das wie eine Holzharke aussah und einen kleinen Hammer. Sie sah zu mir herüber und grinste einmal, wobei sich zeigte, dass auch ein paar ihrer Zähne schwarz waren. “Setz dich oder geh nach draußen, wenn du kein Blut sehen kannst“ meinte sie gleichgültig zu mir, ehe sie sich Flamma gegenübersetzte und erst einmal mit einer langen Gänsefeder das Muster auf den Arm übertrug und nochmal fragte, ob es so genehm war.

    Als Flamma zustimmte, begann sie, indem sie ihr Holzinstrument erst in die Tinte tauchte, dann auf seinem Arm platzierte. Sie summte leise eine düster klingende Melodie, während sie anfing, mit regelmäßigen, kleinen Schlägen auf den Rücken ihres Instrumentes immer wieder zu hämmern. Und ja, es dauerte nicht lang, da fing auch ein wenig Blut an, zu fließen, während die Alte ungerührt immer weiter machte.


    Ich wurde wahrscheinlich etwas bleich, aber allein da draußen zu sein machte mir noch mehr Angst als das hier. Also setzte ich mich, wie sie mir gesagt hatte, und versuchte, mich abzulenken. Ging nicht besonders gut, aber ich bemühte mich. Das einzige, was mir einfiel, war die Musik, und so gab ich wohl etwas unfreiwillig meine eigene musikalische Untermalung zu der ganzen Szene, indem ich versuchte, die Ilias gesanglich zu rezitieren.

  • Ich saß mit stoischer Mine da, denn ja natürlich waren das Schmerzen, aber es war mir nicht ungewohnt welche zu haben und auch diesen andauerndend Schmerz hatte ich ja schon einige Male erlebt. So saß ich nun also hier und hielt meinen Arm ruhig und zuckte nicht mal mit der Wimper als die Alte ihr Werk begann, selbst dann nicht als das Blut anfing zu laufen. Jedoch machte ich mir Sorgen um Dede so sah ich zu der kleinen Sklavin. „Alles in Ordnung Dede?“ Fragte ich sie, denn ja sie war ein wenig blass um die Nase.

  • Ob alles in Ordnung mit mir war? Nein, überhaupt gar nicht. Wir waren an einem unheimlichen Ort in einem unheimlichen Stadtteil mit einer unheimlichen Frau, die sagte, dass sie Zauber sprechen konnte und die völlig ungerührt auf Flammas Haut herumhämmerte, während er sich Tinte unter die Haut stechen ließ. Davon war nicht ein Teil auch nur in der Nähe davon, in Ordnung zu sein. Aber ich wollte nicht, dass Arete das wusste, wie ich mich fühlte, auch wenn ich es vermutlich auch nicht wirklich verbergen konnte.

    Ich erinnerte mich daran, dass Flamma die Sprache meiner Mutter beherrschte. Da es nun nicht so viele Nubier gab und Arete auch nicht so aussah, als würde sie die Sprache beherrschen, antwortete ich ihm also auf nubisch und nicht auf Latein. “Ich find es hier ziemlich unheimlich und versuche gerade, mich abzulenken. Gibt es irgendwelche Lieder, die du magst, die ich singen könnte?“ Dann war es vielleicht nicht ganz so nutzlos, hier herumzusitzen und zu warten.

  • Ich lächelte Dede aufmunternd zu und antworte hr ebenso in der Sprache ihrer Mutter,. „Ja sie ist nicht gerade vertrauenerweckend. Aber es gibt nicht so viele die das hier können.“ Sagte und und lächelte schief. „Nun ich kenne nicht viele Lieder, aber eines aus deiner Heimat? Magst du mir eines davon vorsingen?“

    Die Alte werkelte ungerührt weiter. Ob sie uns verstand oder nicht war nicht zu erkennen. Ich kannte das ja schon, dieses Frauen, die dieses Handwerk – wenn man es denn so nennen wollte ausübten, waren immer etwas – nun nennen wir es mal Geheimnisumwittert.

  • Ein Lied aus meiner Heimat? Ich überlegte. So viele hatte meine Mutter mir nicht beigebracht, und sonst hatte ich ja niemandem, von dem ich welche lernen konnte. Und irgendwie schien mir keines so wirklich passend für diesen düsteren Ort zu sein. Ich überlegte also ein bisschen, und schließlich gewann doch das Schlaflied, das meine Mutter mir damals jede Nacht vorgesungen hatte. Es war ruhig, sanft und sprach von schönen Träumen und Sicherheit. Und es erinnerte mich an die sanften Arme meiner Mutter, die mich in den Schlaf streichelten.

    Als das Lied zuende war, sang ich einfach weiter, was mir so in den Sinn kam an Liedern. Wir hatten hier viel Zeit, und es gab jede Menge Musik. Ein Glück, denn sie lenkte doch ganz gut ab von dem Hämmern und dem Blut und was auch immer draußen auf der Straße auch los war.

  • Ich lauschte dem Lied Dedes, es hatte was beruhigendes. So lächelte ich sie an und hielt sie auch nicht auf als sie weiter sang. Ob er der Alten gefiel oder nicht war mir schnuppe. Sie sollte nur ihre Arbeit tun. Ich hatte inzwischen meinen Blick auf das entstehende Motiv geheftet und mit jedem Sticht unter die Haut fühlte es sich richtiger an, denn ja ich schenkte Kara etwas was ein ganze Leben halten würde. Etwas dauerhaftes und genau das hatte ich gewollt. So umspielte nun auch ein kleines Lächeln meine Lippen. Es dauerte ewig. Aber irgendwann hob die Alte ihren Kopf und verkündete das sie fertig war. Sie behandelte noch kurz die nun offenen Wunde und dann war es geschafft. Der Verband war umgelegt und ich legte zusätzliche Ledermanschette darum. Ich nickte der Alten zum Abschied zu und verließ mit Dede zusammen die Taberna. Draußen sah ich Dede an. „Und ist es jetzt besser?“ Fragte ich sie ohne darüber nachzudenken sprach ich einfach wieder in ihrer Muttersprache mit ihr.

  • Es dauerte. Stunden. Wie Arete gesagt hatte. Irgendwann wusste ich nicht mehr, ob ich ein Lied schon gesungen hatte oder noch nicht, und so langsam wurde ich heiser, auch wenn ich leise sang. Wir hätten etwas zu trinken mitnehmen sollen.

    Aber irgendwann sagte die alte Frau, sie wäre fertig. Sie wusch das Blut ab und schmierte ein nach Kräutern duftendes Fett über die Haut, ehe sie einen Verband darum legte. Flamma legte noch eine Ledermanschette darüber, dann erhob er sich und wir konnten gehen.

    Draußen nahm ich wieder seine Hand, aber vorsichtig dieses Mal, denn ich wollte ihm nicht weh tun. Wie er die ganze Prozedur eben überstanden hatte, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, war mir ein Rätsel. Es sah sehr schmerzhaft aus. Und es hatte ja auch geblutet. Wahrscheinlich würde ich die nächsten paar Tage allein von dem Anblick schlecht träumen.

    Ich atmete erst einmal durch. Es war immer noch die Subura, und da es jetzt sehr viel später war, war das Licht auch allmählich unheimlich und es schien mir, dass je später der Abend wurde, umso unheimlicher würde es hier auch werden. “Ein bisschen. Ich würde trotzdem gerne wieder nach Hause gehen.“ Und mich unter meiner Bettdecke verkriechen, fügte sie in Gedanken an.

  • Ich drückte ihrHand und zog sie wieder etwas dichter an mich heran. „Du warst sehr tapfer. Es tut mir auch leid, das ich dir das zugemutet habe. Ich wusste aber nicht wen ich sonst hätte fragen können.“ Sagte ich dennoch entschuldigend. Wir bahnten uns einen Weg durch die immer noch vollen Straßen. Allein aufgrund meiner Größe und Statur jedoch machte man uns den Weg frei und vielleicht lag es auch dran, das der ein oder andere mich erkannte. Wer weiß das schon. Auf jeden Fall waren wir recht schnell aus der Subura heraus und auf den breiteren Straßen Roms unterwegs nach Hause. „Jetzt muss ich mir nur noch was einfallen lassen, damit Kara das vor morgen nicht zu sehen bekommt.“ Sagte ich grinsend zu Dede.