• Bitte melden Sie sich an, um dieses Bild zu sehen.Nicht irgendjemand war mit dem Brief von Nilofer nach Ktesiphon geschickt worden, sondern Athenodoros Neffe Jabel ben Attar Al Batra. Der junge ehrgeizige Kaufmann war Athenodoros treu ergeben, und außerdem war es üblich, einen Verwandten als Brautwerber zu entsenden. Denn Jabel sollte die Eltern der Dame Nilofer aufsuchen, um den Vater um die Hand seiner Tochter zu bitten, und beide am besten gleich mit nach Palmyra zu bringen. Um den zukünftigen Schwiegervater vom Wohlstand des zukünftigen Schwiegersohnes zu überzeugen, hatte er vielerlei Geschenke dabei: Seidenstoffe aus Serica, Weihrauch aus Arabia felix und römische kunstvoll getaltete Gläser, außerdem Gold- und Silber. Daher hatte er auch viele Bewaffnete auf baktrischen Kamelen mitgenommen, und kaum waren sie in Ktesiphon angekommen, suchte Jabel den agoranomos, den Marktaufseher auf, den die parthische Hauptstadt nach griechischem Verwaltungsvorbild besaß ( Und der von Mithridates auch nicht abgeschafft worden war.)


    Der agoranomos war ein würdiger Mann, der den Brief nahm und lange die Adresse studierte. Dann sagte er: "Edler Jabel, mir ist kein Pakūr Meherzad bekannt, der hier in Ktesiphon Kaufmann ist. Aber ich werde meinen grammateos beauftragen, alle Listen durchzusehen, um Gewissheit zu haben. Doch das tue ich nur deinem Onkel zuliebe, ich selbst habe bereits Gewissheit, denn ich versehe mein Amt schon dreißig Jahre, und ich würde wissen, wenn ich diesen Namen schon einmal gehört hätte."


    Jabel kannte Nilofer von ihrer Flucht mit Phraotes, und er hatte während der Reise die Hand über sie gehalten. Daher meinte er:

    "Nehmen wir an, jener Meherzad ist vielleicht kein bedeutender Kaufmann, sondern so etwas wie ein ...Kleinkrämer?" Er konnte sich durchaus vorstellen, dass eine junge Frau in prekärer Lage den Stand ihres Vaters etwas beschönigt hatte, um Athenodoros zu beeindrucken.


    Der agoranomos strich sich seinen Bart:"Dann gleicht deine Suche die einer Nadel im Heuhaufen, edler Jabel. Kleinkrämer? Der Orientale, der nicht mit etwas handelt, muss erst noch geboren werden. Wir sind ein Volk von Krämern. Aber weißt du was, ich möchte einen Boten zum Archontos, dem obersten Stadtverwalter schicken. Dort im Archiv wird dein Mann zweifelsohne verzeichnet sein. Solange, werter Jabel, sei mein Gast und mache mir die Freude, mit mir zu speisen."


    Jabel ben Attar willigte ein, was gab es sonst zu tun. Und während ein Diener Wein und Speisen brachten, redeten sie über dieses und jenes. Jabel hoffte dabei sehr, dass Nilofers Familie gefunden werden würde.

    Doch zuvor wurde er gefunden.


  • Seitdem die Dienerin der geflohenen Prinzessin gestanden hatte, und Palmyra als mutmaßlicher Aufenthaltsort der Geflohenen offenbart worden war, waren die Karawanen aus Palmyra und deren Kaufleute in den Fokus der Palastwache geraten. Getarnt als Kaufleute oder Karawanenführer strichen sie über die Märkte, saßen in den einschlägigen Tavernen und sahen sich in den Herbergen nach Händlern aus Palmyra um. Sie belauschten Gespräche, und schnappten die Neuigkeiten aus Palmyra und dem Rhomäer-Reich auf. Meist waren es nur vage Informationen, die sie erhielten. So war schließlich herausgekommen, dass ein junger parthischer Mann sich kurz vor dem Verschwinden der Prinzessin nach einer Reisemöglichkeit nach Palmyra umgehört hatte. Mehrere Bestechungen später hatten sie schließlich herausgefunden, dass es eine Karawane der Bene Attar aus Palmyra gewesen war, die die Prinzessin und ihren Komplizen außer Landes gebracht hatte. Spätestens als sich herumgesprochen hatte, dass ein Karawanenführer der Bene Attar sich bei dem Marktaufseher nach einem Kaufmann erkundigt hatte, den es offenbar in Ktesiphon gar nicht gab, waren die Männer des Großkönigs hellhörig geworden, so dass schließlich ein Trupp aus zehn Männern der Palastwache in die Räume des Marktaufsehers eindraungen, um dessen Gast - ein gewisser Jabel Ben Attar Al Batra - festzunehmen.


    Stunden später, nachdem man ihn in eine dunklen Kerker geworfen hatte, öffneten sich die Türen seines Gefängnisses und zwei Wächter kamen, um ihn zu holen. Sie brachten ihn zu ihrem Kommandanten, der bereits im Vorfeld die Befragung der Sklavin Nilofer geführt hatte.

    Bahrams strenger Blick traf den Karawanenführer. Er wollte diese Sache schnell und problemlos hinter sich bringen. Der Gefangene sagte ihm, was er hören wollte und dann würde man ihn mit einem sauberen Schnitt durch seine Kehle entsorgen.

    "Wo ist sie?" fragte er lediglich und ließ seinen Gefangenen nicht aus den Augen.

  • Bitte melden Sie sich an, um dieses Bild zu sehen.Jabel hatte mit der parthischen Verwaltung nie schlechte Erfahrungen gemacht. Als Bürger der nabatäischen Hauptstadt Petra bewegte er sich in ihrem Reich genauso sicher wie auf dem Territorium der Rhomäer. Aber unter guten Schafen gab es ab und an einen Bock, und vermutlich war der Mann vor ihm einfach nur übermäßig gierig und korrupt. Doch er saß am längeren Hebel, denn er konnte ihn in einem Kerker verrotten lassen.


    Also protestierte Jabel nicht gegen die Behandlung, sondern verneigte sich und antwortete:


    "Oh großmütiger Kommandant der Wache, du fragst wo sie ist, und meinst vermutlich die Karawane, deren Führer ich bin.
    Meine Karawane bringt Gold und Silber, edle Stoffe aus dem Seidenland und kostbare Gläser der Rhomäer, auch Weihrauch. Ich bin der Neffe des edlen Waballat ben Attar, der überaus großzügig ist mit seinen Freunden. Gestatte mir also, dir in seinem Namen die Geschenke zu machen, die du zweifelsohne ob deiner schweren Amtsbürde verdienst und die dir zustehen. Wähle aus, was dein Herz begehrt, edler strategos, und um nicht die Neider auf den Plan zu rufen, denn Neid ist ein Djinn, der Böses im Sinn hat, werde ich darüber schweigen wie ein Grab. Und während ich meines Weges ziehe, werde ich unaufhörlich um den Segen der Götter für dich bitten, o Edler - wie ist doch gleich dein Name?
    "


    Jabel hoffte, der Mann würde richtig verstehen, was er sagen wollte. Den Namen wollte er aber, um sich von Palmyra aus über diesen Kerl zu beschweren. Natürlich flossen ab und zu jene kleinen Geschenke, die die Freundschaft erhielten, aber der Handel über die Seidenstraße basierte im Großen und Ganzen darauf, dass man sich auf die Beteiligten verlassen konnte, und die Einkerkerung von Athenodoros Neffen schoss über alle Gewohnheiten hinaus.

  • Bahram war ganz gewiss nicht zu Spielchen aufgelegt. Dafür war die Sache viel zu ernst! Außerdem hatte er nicht vor, so zu enden, wie all die Beschuldigten, die der Prinzessin bei ihrer Flucht geholfen hatten. Sein Gegenüber plapperte munter drauf los und erzählte ihm etwas von seiner Karawane. Was interessierte ihn denn seine Karawane. Das waren doch alles nur Ablenkungsversuche, weil der Kerl in ganz offensichtlich für blöd hielt! Doch diese Art von Kundschaft war ihm die Liebste!

    Zunächst blieb er noch ganz er selbst. Er lächelte sogar, als dieser Kameltreiber es doch tatsächlich wagte, ihn ganz unverblümt zu bestechen!

    "Du willst mir also Geschenke machen, mmh?" Doch dann verengten sich seine Augen. "Wenn du mir nicht augenblicklich sagst, wohin du die Prinzessin und ihren Komplizen gebracht hast, wird dein Kopf in weniger als einer Stunde aufgespießt auf einer der Zinnen der Stadtmauer zu bewundern sein. Alleine schon für deinen niederträchtigen Bestechungsversuch sollte ich dir deine elende Haut abziehen lassen! Also, zum letzten Mal! Wo sind Prinzessin Shireen und dieser Verräter Phraotes Surena?" Damit dieser Kerl auch auch verstand, dass der Spaß längst vorbei war, wandte er sich zur Kerkertür um und rief seine Wachen herbei. Schließlich fokussierte er wieder seinen Gefangenen.

  • Bitte melden Sie sich an, um dieses Bild zu sehen.Jabel zählte eins und eins zusammen. Denn er hatte nur zwei jungen Leuten zur Flucht verholfen im letzten Jahr, und ja, er hatte wohl gedacht, dass die Beiden etwas anderes waren als sie vorgaben zu sein, und keine Diener, sondern die unbotmäßigen Kinder reicher Eltern. Aber PRINZESSIN....NEIN! Da hätte der Nabäter auf jeden Fall die Finger davon gelassen, um sich nicht die ganze Hand zu verbrennen oder gleich ganz auf dem Scheiterhaufen zu landen. So weit oben hatte er Phraotes und Nilofer nicht angesiedelt, sonst hätte er sie noch am gleichen Abend ausgeliefert. Doch nun war es geschehen: Er selbst hatte beide ins Haus seines Onkels geschickt. Genauso gut hätte er seinem Onkel die Pest mitbringen können.

    In Jabel ben Attar stieg die kalte Ahnung auf, dass er verloren war:

    "Keine Geschenke - alles was mein ist, soll dein sein o edelmütiger Diener des höchsten Shahanshah. Ich wusste nicht, wer die beiden waren, ich schwöre das beim Leben meiner Mutter. Sie kamen zu mir und behaupteten, sie seien Kaufmannskinder, Liebende auf der Flucht. Der Mann nannte sich Phraotes, jedoch nicht Surena", auch Jabel war das Haus Suren als Begriff bekannt:

    " Die Frau sagte, sie hieße Nilofer. Nilofer umgarnte meinen Onkel, und der möchte sie heiraten. Sie ist im Hause des Waballat von den Bene Attar. Der Mann jedoch verschwand. Ich tue, was du willst, und ich flehe um Gnade... um Gnade für meine Verfehlung, den Glanz der Prinzessin nicht erkannt zu haben. Getäuscht worden bin ich! Gnade"


    Jabel ben Attar rutschte auf die Knie und in eine vollkommene proskynesis, in dem er sich Bahram zu Füßen warf, um ihn zu erweichen.

  • Der Gefangene besann sich endlich und erkannte die Ausweglösigkeit seiner Lage. Das war gut! Wenn er ihm nun noch erzählte, was Bahram hören wollte, konnte er vielleicht sein wertloses Leben doch noch retten. Zunächst aber tat Jabel das, was alle anderen Gefangenen in ihrem Verhör taten. Er bestritt, gewusst zu haben, wem er da geholfen hatte. "Natürlich, das sagen sie alle!" Bahram wurde langsam ungeduldig. Doch dann wurde der Kommandant doch hellhörig. "Was sagst du da? Sie nennt sich nun Nilofer?" Die Prinzessin hatte also den Namen ihrer Sklavin angenommen! "Sie will deinen Onkel heiraten? Und der Mann ist verschwunden?" Irgendwie passte das nicht zusammen! Die Prinzessin war aus dem Palast geflohen, um in Palmyra einen gewöhnlichen Kaufmann zu heiraten? Natürlich war Bahram der Name Ben Attar geläufig. Die Bene Attar gehörten zu den vier wichtigen Stämmen, die in Palmyra das Sagen hatten, mal abgesehen von den Rhomäern. Bahram dachte nach, wie er mit diesen Informationen umgehen sollte. Der Erhabene hatte ihm freie Hand gelassen, bei der Ergreifung der Prinzessin und ihres Helfers, des verräterischen Surena. Lediglich sollte er einen diplomatischen Zwischenfall mit den Rhomäern vermeiden.

    Jabel jammerte und bettelte um Gnade. Dabei rutschte er auf seinen Knien und warf sich ihm schließlich zu Füßen.

    "Ja, schon gut! Ich glaube dir. Steh auf und setzt dich wieder!" rief er seinem Gefangenen zu. "Mit etwas Glück hast du gerade deinen Kopf gerettet! Du wirst deinem Onkel keinerlei Nachrichten zukommen lassen! Weder dass du den Vater seiner Braut nicht gefunden hast, noch dass du mit mir und meinen Männern Bekanntschaft gemacht hast. Die Prinzessin soll sich in Sicherheit wiegen. Stattdessen wirst du mich und meine Männer nach Palmyra zum Haus deines Onkels bringen." Was dann mit ihm uns seinem Onkel geschehen würde, würde sich noch erweisen. Der Schahanschah würde ihn auch für die abgetrennten Köpfe der Helfershelfer der Prinzessin reich belohnen!

    "Nun liegt es an dir! Hilf mir, die Prinzessin zu finden und du wirst leben! Sträube dich dagegen und meine Männer werden dir auf der Stelle den Kopf abschlagen!" Wenn das kein faires Angebot war!

  • Bitte melden Sie sich an, um dieses Bild zu sehen.Bahram schien sich entgegen entschieden zu haben, ihn gleich an Ort und Stelle auf gräßliche Weise zu foltern und hinzurichten, so rutschte Jabel immer noch auf Knien zu seinem Stuhl und setzte sich. Ein winziger Hoffnungsschimmer glomm in ihm auf; ja, er hatte mit den jungen Leuten Mitleid gehabt, doch nun ging es nur noch darum, seine Haut zu retten - und so wie er die Parther kannte, war das keineswegs nur sprichwörtlich gemeint:

    " Der Mann, jener Phraotes, reiste nach Alexandria mit dem Auftrag den ebenso verschwundenen Sohn meines Onkels zu suchen. Es wurde nicht gesagt, ob er zurückkehrt. ", Athenodoros hatte ursprünglich einen "kleinen Unfall" für Phraotes geplant, falls der weiter darauf bestanden hätte, Nilofer zu lieben, das war der Stand der Dinge für Jabel. Vom Streit zwischen den Liebenden, der schlussendlich dem Parther den Kopf rettete, wusste er nichts:

    " Mein Onkel, der edle Waballat hält die Prinzessin für eine Kaufmannstochter. Oh elende Blindheit, mit der ein böswilliger Djinn uns schlug! Der junge Phraotes hatte in unseren Augen weder Reichtum noch Namen, da wir auch blind dafür waren, dass er aus dem Hause Suren stammt, so schien es uns nicht seltsam, dass sich die Frau abwandte und ein Leben in Wohlstand bevorzugte. Bitte glaube uns, dass wir nur gehandelt haben wie wir es für Recht hielten, und mit dem Schatten einer Ahnung nur hätten die Bene Attar ihren schnellsten Kamelreiter zu dir geschickt, um die zwar untreue, oh, das sollte keine Kritik an der Prinzessin sein, die durch ihr Blut so weit über uns steht. Aber wir hätten sie euch gebracht. Wir wissen nur zu gut, dass wir unseren Reichtum in Palmyra der Tatsache verdanken, dass uns sowohl der hochherzige und über allen stehende Shahanshah des Partherreiches als auch der zweifellos unwürdigere Basileus der Rhomäer freien Handel gewähren.
    Nein, meine Lippen werden versiegelt sein, o Erhabener. Du und deine Krieger, kommt mir mir nach Palmyra, und dort werdet ihr die Gesuchte inmitten von Hochzeitsvorbereitungen finden
    "

  • Der Gefangene war inzwischen so weichgekocht, dass es keinerlei Drohungen mehr bedurfte, um an weitere Informationen zu kommen. So berichtete Jabel weiter über den Verbleib des Verräters Phraotes Surena, der von seinem Onkel nach Alexandria geschickt worden war. Ein sehr langer und beschwerlicher Weg durch die Wüste, dachte Bahram. Womöglich hatte Ahura Mazda bereits Erbarmen mit dem Verräter gehabt und hatte ihm einen gnädigen Tod gewährt. Denn ein langsames Verdursten in der Wüste war allemal barmherziger als das, was ihn in den Folterkammern des Schahanschas bevorstand!

    Noch einmal beteuerte Jabel, dass er und sein Onkel von den Geflohenen getäuscht worden waren. Er versäumte es natürlich auch nicht, den Schahanschah für seinen Großmut zu loben, der ihnen den Handel mit Parthia und den Ländern des Ostens gestattete. Ebenso versprach er, nichts darüber verlautbaren zu lassen, dass er seinen Auftrag in Ktesiphon nicht erfolgreich hatte zu Ende bringen können.
    "Nun gut! Die Nacht wirst du noch hier in unserer Obhut verbringen und morgen werden wir dann gen Palmyra aufbrechen!" Bahram gab einem seiner Männer ein Zeichen, damit dieser den Gefangenen wieder zurück in seine Zelle brachte. Er selbst erhob sich dann auch, denn es gab nich vieles, was vorzubereiten war. Noch am Abend hatte er unter seinen Männern zehn ausgesucht, die ihn nach Palmyra begleiten sollten.