Nilofer kai Phraotes: Auf der Agora

  • <<< Über die Seidenstraße


    Jabel gab uns eine mündliche Beschreibung des Weges bis zur Prostas Bene Attar, die im Tetartos III lag und ließ uns auf der Agora zurück, da er noch einige Geschäfte zu erledigen hatte. Er würde erst in einigen Tagen den Onkel aufsuchen.


    Die Agora sah nicht ganz so aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte:  Nämlich attischer; bevölkert von edlen Männern im Chiton oder auch Toga, die tiefgründige Gespräche führten und politische Reden hielten. Die Agora von Palmyra glich jedoch eher einer beliebigen Karawanserei in Ktesiphon; überall Händler und Tiere. Ich war nur etwas erstaunt, doch wie musste dieser Tumult von Menschen auf meine Nilofer wirken, die nie aus den königlichen Gärten herausgekommen war?

    Ich war entschlossen, alles phantastisch zu finden, besonders den Geruch der Freiheit, der allerdings mehr dem von Kameldung glich.


    Auf Koine fragte ich einen Passanten, der mir einheimisch genug aussah, nach dem Weg in das richtige Tetartos. Das Problem war dann, dass der Mann das Viertel unter diesem Begriff nicht kannte. Mit der Hilfe einiger Müßiggänger kamen wir zu der Lösung, dass sie es gemeinhin Komare nannten, es lag im Osten.


    "Komare also ist das Ziel", lächelte ich meiner Nilofer zu und hielt ihr die Hand hin, um sie zu führen und zu stützen. Ich legte den Kopf in den Nacken, schaute in den tiefblauen Himmel. Hier würde uns Mithridates nicht aufstöbern.:

    "Wie fühlst du dich? Es ist überwältigend, nicht?!"


    Ein Junge, der meine Frage mitbekommen hatte, löste sich aus dem Schatten der Mauer und kam auf uns zu:

    "Chairete Fremde, ich heiße Hashash, nennt mich Hagias.", sagte er auf Griechisch: "Wenn ihr es wünscht, zeige ich euch gerne den Weg zum Wohnsitz der edlen Bene Attar. "

    Ich warf Nilofer einen Blick zu. Sollten wir das Angebot annehmen?


    O eutopia ! 

  • Einige Stunden später hatten wir endlich unser Ziel erreicht. Die Karawane zog in die Oasenstadt ein und wir mit ihr. Auf der Agora sollten sich nun vorerst unsere Wege trennen. Jabel versuchte uns zu erklären, wie wir den Weg zum Haus seines Onkels finden konnten. Jedoch sollte sich dieses Unterfangen noch als recht schwierig erweisen, wie wir später noch feststellen sollten.

    Für mich war die Stadt etwas vollkommen ungewohntes. Die vielen Menschen und die abertausenden von Eindrücken dieser fremden Welt, die auf mich hernieder prasselten waren einerseits unglaublich spannend allerdings wirkten sie auf mich auch furchteinflößend. So viele Menschen, die sich der unterschiedlichsten Sprachen bedienten. Griechisch, Aramäisch und ab und an auch Parthisch. Manchmal jedoch auch Sprachen aus denen ich nicht schlau wurde. Dann waren da noch die Gerüche, die meine Nase einsog und die ich nicht selten als widerlich hätte titulieren können. Doch ganz gleich, wie man dieser fremden Stadt nun gegenüberstand, sie war weit weg von zu Hause und damit auch weit weg vom Zorn meines Bruders.


    Ich hielt mich eng an der Seite meines Befreiers Phraotes, der mich hierher gebracht hatte. Undenkbar was passieren würde, wenn ich ihn hier in diesem Tumult verloren hätte! Scheinbar hatte er weitaus weniger Probleme damit, sich in der Stadt zurechtzufinden. Er war eben nicht von Geburt an im Palast des Shahanshahs eingesperrt gewesen und wusste, wie die Leben außerhalb der Haremsmauern lief.


    Phraotes gelang es, sich bei den Leuten dieser Stadt durchzufragen, so dass wir doch noch Hoffnung schöpfen konnten, schon bald das Anwesen der Bene Attar finden zu können. Er hatte mein volles Vertrauen. Eigentlich hatte ich seit dem Moment, da ich den Königspalast von Ktesiphon verlassen hatte für mich beschlossen, da hinzugehen, wo auch Phraotes hinging. Daran hatte sich auch jetzt nichts verändert. In der Zwischenzeit war er mir sehr vertraut geworden. Ich mochte seine Gegenwart, denn nur bei ihm fühlte ich mich wirklich sicher.

    "Mir geht es gut", antwortete ich ihm lächelnd. "Es ist in der Tat sehr überwältigend und fast schon furchteinflößend. Bitte weiche nicht von meiner Seite!"


    Als sich dann ein Junge plötzlich anbot, uns zu helfen, indem er uns zum Haus der Bene Attar bringen wollte, war ich sehr erfreut. Ich hegte keinerlei Misstrauen gegen ihn, denn wie hätte ich auch sollen? Ich wusste nichts vom einfachen Volk, das sich tagtäglich irgendwie durchschlagen musste. So gab ich Phraotes durch mein nicken zu verstehen, dass wir sein Angebot annehmen sollten.

  • "So führe uns, Hagias“, sagte ich erfreut zu dem Jungen und ergriff Nilofers Hand. Nicht auszudenken, wenn wir uns hier verloren gingen.


    Hagias schritt ziemlich schnell vorwärts, er führte uns durch enge Gassen, deren Häuser links und rechts sich zueinander neigten wie Liebespaare; bestimmt konnte man sich im oberen Stockwerk die Hand reichen, und die in ewigem Schatten lagen; immer tiefer führte er uns hinein in das verwinkelte Palmyra, weg von der Agora und weg von Jebels helfender Hand.



    Prostas Bene Attar Draußen vor der Thyra >>>