Beiträge von Ein Parther

    Inzwischen hatte sich nun auch der letzte von Bahrams Männern seiner Tarnung entledigt. Sollte der Palmyrener ihnen nun Schwierigkeiten bereiten, würde er es sehr bereuen. Keiner seiner Männer würde mit dem Leben davon kommen. Doch das sollte ihm schon bewusst sein. Nach und nach sickerte die Erkenntnis in sein Bewusstsein, dass er einem Betrug aufgesessen war.

    "Ihr Name ist nicht Nilofer. Dies war lediglich der Name ihrer Dienerin, mit der sie ihre Rolle getauscht hat. Ihr wahrer Name lautet Shireen. Die wahre Nilofer schmachtet seit Wochen im Kerker des königlichen Palastes." Wenn sie überhaupt noch lebte, denn die Bedingungen, unter denen die Gefangenen dort einsaßen, waren nicht die allerbesten. "Laut unserer Erkenntnisse hat ihr Liebhaber, ein Sprößling der altehrwürdigen Familie Surena, deren Priveleg es ist, den Shahanshahzu krönen, das Chaos während eines Sandsturms genutzt, um die Prinzessin zu befreien. Doch laut ihrer Dienerin ist sie freiwillig mit ihm gegangen. Doch holt die beiden nur herbei, damit wir sie in Gewahrsam nehmen können. Der Shahanshah möchte die beiden lebend!"

    Der Bene Attar schickte einige Bedienste los, um die beiden Betrüger zu finden und herzuholen. Auf Bahrams Zeichen hielten sich seine Männer bereit. Den beiden sollte keine Chance gegeben werden, am Ende doch noch fliehen zu können. Je länger sich aber die Suche hinzog, umso nervöser wurde der parthische Kommandant. Offenbar waren die Prinzessin und Surena spurlos verschwunden und hatten auch noch eine Sklavin des Hauses mitgenommen! Bahrams Geduld war bereits am Ende angelangt, als sich ein kleiner Sklavenjunge durch die Menge zwängte und sich vor seine Füße warf. "Was ist los, Kleiner? Weißt du etwa, wo die drei Geflohenen sind?"

    Nun da der Hausherr endlich erschienen war und seinen vermeintlichen Schwiegervater über alle Maße begrüßte, gab es für Bahram keinen Grund, noch länger diesen Mummenschanz aufrecht zu erhalten. Bevor er sich jedoch zu erkennen gab, wanderte sein Blick zu Jabel, dem jungen Verwandten des Bene Attar und nickte ihm verschwörerisch zu. Zur Sicherheit hielt seine Hand den Griff des Grummdolchs, welcher sich unter seinem Umhang verbarg, umschlossen. Falls der Palmyrener Schwierigkeiten machen sollte, würde er ihn blitzschnell zücken. Schließlich trat er Waballat ben Attar entgegen. "Shlomo und vielen Dank für deine freundliche Begrüßung, edler Waballat ben Attar! Leider muss ich dich bitter enttäuschen! Dies ist leider nicht dein angehender Schwiegervater Pakūr Meherzad und jener ist auch nicht dessen Frau! Du bist Opfer eines üblen Schwindels geworden!" Er deutete auf seine beiden Männer, die als Brauteltern verkleidet waren. Besonders der junge Keyhan war heilfroh, dass er nun endlich die Frauenkleider ablegen konnte, die er die ganze Zeit hatte tragen müssen.

    "Deine vorgebliche Braut ist nicht die Tochter eines nichtexistenten Kaufmanns aus Ktesiphon, sondern die Halbschwester des erhabenen Shahanshahs, die mit Hilfe des verräterischen Schurken Phraotes Surena aus dem königlichen Harem geflohen ist." Diese ungeheuerlichen Neuigkeiten ließ er einen Moment sacken, dann deutete Bahram auf Jabel." Dein hilfsbereiter Neffe war so freundlich und hat sich bereit erklärt, uns, die Männer der königlichen Palastwache, zu unterstützen, um den beiden Verrätern wieder habhaft zu werden. Daher bitte ich dich nun, die beiden herführen zu lassen. Ohne dass sie vorher gewarnt wurden, versteht sich. " Falls der Hausher sich wider erwarten sträuben sollte, würde Bahram keine Minute zögern, in diesem Haus ein Blutbad anzurichten, um die Prinzessin und ihren Buhlen in seine Gewalt zu bekommen.

    Sie näherte sich auch den Eltern von Despoina Nilofer: "Willkommen unter dem Dach meines Herren, ehrenwerte Gäste. Ich erwarte Eure Befehle. O edle Dame, Mutter meiner Herrin, erhole dich in einem kühlenden Bad von den Strapazen der Reise."

    Die ältere Dame, die Mutter von Despoina Nilofer, hatte wirklich eine lange Reise hinter sich, sie wirkte mitgenommen, da regte sich Anippes Großherzigkeit.

    Anippe trat an die Seite des Kamels, um der Partherin beim Abstieg zu helfen, sobald sich das Tier niedergelegt hatte. Das geschah schwankend und dabei löste sich etwas der kostbar gestickte Schleier. Die Sklavin sah ein junges Profil, mutwillig, die Nase etwas aufgeworfe - ein Jugendlicher.

    Sie runzelte die Stirn.

    Die Mutter der Dame Nilofer war ein verkleideter Mann. Sie war sich sicher. Welches Werk von daimones oder djinni, wie sie hierzulande hießen, passierte gerade? Etwas passierte, was nicht passieren durfte. Alles in Anippe schrie: Gefahr.


    Nachdem Bahram und seine Männer Palmyra erreicht hatten und in die Oasenstadt betraten, hatte er ihnen sogleich mit unmissverständlichen Worten erklärt, wie sie vorgehen sollten, sobald sie die Schwelle des Hauses der Bene Attar überschritten. Jeder seiner Männer hatte eine bestimmte Aufgabe, so dass sie am Ende der entflohenen Prinzessin und ihres Buhlen habhaft werden konnten. Alle bis auf einen trugen die Kleidung der Karawanenhändler. Nur einer, der junge Keyan mit seinem femininen Gesicht, trug die Kleidung einer parthischen Dame, deren Gesicht unter einem Schleier verborgen war. Was dem Auge des Betrachters verborgen blieb, waren die Waffen, die die parthischen Soldaten unter ihrer Verkleidung trugen.

    Gemeinsam mit Jabel Ben Attar und dessen Männer begaben sie sich schließlich zum Haus der Bene Attar, wo sie freudig von dem Gesinde begrüßt wurden. Eine junge hübsche Sklavin begrüßte sie freundlich und bot an, den Gästen ein Bad zu richten. Bahram trat hervor und bedankte sich bei der jungen Frau. "Shlomo mein schönes Kind, dies sind der ehrwürdige Herr Pakūr Meherzad und seine Gemahlin, die Eltern deiner Herrin Nilofer." Er deutete auf den jungen Keyan und einen weiteren seiner Männer. "Unglücklicherweise sind sie unserer Sprache nicht mächtig. Daher spreche ich für sie. Sie möchten ihre Tochter überraschen. Daher verratet ihr noch nichts von ihrer Ankunft!" Natürlich würde die Prinzessin gewarnt sein, wenn sie hörte, ihre Eltern aus Ktesiphon seien angekommen. Sie sollte sich so lange wie möglich in Sicherheit wiegen. Bis dahin wollten auch die Parther ihre Maskerade aufrecht erhalten. Dann, wenn sie es am wenigsten erwarteten, wollten sie die Prinzessin und ihren verräterischen Begleiter ergreifen und gefangennehmen. Nun galt es einfach, einen klaren Kopf zu bewahren und geduldig zu warten.

    Durch die Wüste bis zu den Toren Palmyras

    Etliche Tage waren vergangen, in denen Bahram und seine Männer an der Seite Jabels gen Palmyra geritten waren. Dabei hatten sie nur die allernötigsten Pausen eingelegt. Wenn es nach dem Kommandanten gegangen wäre, wären sie auch nachts geritten. Doch das hätten die Tiere nicht lange mitgemacht. Sie brauchten ihre Ruhephasen. Er aber war von dem Gedanken beseelt, so schnell wie möglich in Palmyra anzukommen und Prinzessin Shireen und ihren Buhlen festzusetzen und beide in Ketten gelegt, zurück nach Ktesiphon zu bringen. Damit die beiden dort ihrer gerechten Strafe entgegensehen konnten.

    Eines musste er dem Kameltreiber lassen, er kannte sich in der Wüste aus, wie in seiner eigenen Tasche. Ohne Umwege nehmen zu müssen, hatte Jabel sie, früher als gedacht, über die Seidenstraße bis nach Palmyra gebracht. Am Horizont konnte man sie schon deutlich erkennen, die Mauern der Königin der Wüste - Palmyra!

    In Bahrams Augen war der Karawanenführer immer noch ein Speichellecker, wie er im Buche stand. Unglücklicherweise brauchte er ihn noch, um der Prinzessin und ihrem Buhler habhaft zu werden. Jedoch würde er keine Minute zögern, ihn von seinem erbärmlichen Leben zu befreien, sollte er auch nur eine Dummheit begehen.

    Dass er ihm nun die Hände küsste und ihm all seine Waren als Geschenk für das parthische Reich überreichte, änderte nichts an seinem Standpunkt, was ihn betraf. Jedoch war Jabels Idee von den Brauteltern nicht schlecht, wie Bahram zugeben musste.

    Er nickte nachdenklich und ging im Gedanken seine Männer durch, die er für seine Mission auserkoren hatte und geeignet waren, um als Frau durchzugehen."In der Tat, deine Idee ist nicht schlecht! "

    Schließlich fiel seine Wahl auf einen jungen Mann, dessen Gesicht recht feminin wirkte, sobald er sich seinen Bar abrasiert hatte. "Du! Keyhan! Geh und rasiere dir deinen Bart ab und kleide dich in Frauenkleider!" Wie man sich denken konnte, war der junge Soldat nicht gerade begeistert von dieser Anweisung. Doch er wagte es nicht, gegen das Wort des Kommandanten aufzubeheren, sondern fügte sich und kam nach einer Weile wieder zurück, gekleidet in die Tracht der parthischen Frauen. Seine Kameraden schmunzelten, als sie ihn sahen. Jedoch wagen sie nicht, in der Gegenwart Bahrans sich über Keyhan lustig zu machen.

    "Gut! Dann lasst uns aufbrechen!" sprach Bahram, woraufhin seine Männer ihre Kamele bestiegen. Die beginnenden Rufe der Kamele, als diese sich erhoben war nun das untrügliche Zeichen, dass es nun losging!

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    Bahram Chobin, Kommandant der Palastwache, hatte noch am gleichen Tag, an dem er Jabel ben Attar Al Batra verhört hatte, eine Liste mit Namen erstellt. Namen der Männer, die ihn nach Palmyra begleiten sollten, um die geflohene Prinzessin Shireen und den Verräter Phraotes Surena festzusetzen und die beiden zurück nach Ktesiphon bringen. Damit sie dort ihre gerechte Strafe erhielten. Der Kommandant war vom Shahanshah höchstpersönlich beauftragt worden. Daher hatte er nur seine allerbesten Männer ausgewählt. Gute Kämpfer, die treu zu ihrem Herrscher standen und Männer, die des Griechischen und des Aramäischen mächtig waren. Schließlich sollten sie sich ja in der Fremde verständigen können. Doch der wichtigste Kriterium seiner Auswahl war ihre Widerstandskraft und Disziplin. Sie würden selbst unter der Folter nichts über ihren Auftrag verraten.


    Am nächsten Morgen trafen sich dann zehn Männer der Palastwache, die ihre Rüstung abgelegt hatten und wie gewöhnliche Karawanenreiter aussahen. Jedoch waren sie bestens mit Waffen ausgestattet. Wie Barham es am Tag zuvor versprochen hatte, wurde auch Jabel, der Karawanenführer der Bene Attar aus dem Kerker entlassen, damit er Bahrams Männer mit seiner Karawane nach Palmyra bringen konnte. Getarnt als Händler, die über die Seidenstraße ins Römische Imperium kamen, um dort Handel zu treiben. So würden sie kein Aufsehen erregen und auch keinen diplomatischen Zwischenfall heraufbeschwören.


    "Jabel ben Attar Al Batra, nun wirst du Gelegenheit haben, deine Verfehlungen gegen den Shahanshah wieder gutzumachen! Bring uns sicher nach Palmyra und du hast von uns nichts mehr zu befürchten!" sprach Bahram, als zwei Wachen den Karawanenführer aus seiner Zelle geführt hatten.

    Der Gefangene war inzwischen so weichgekocht, dass es keinerlei Drohungen mehr bedurfte, um an weitere Informationen zu kommen. So berichtete Jabel weiter über den Verbleib des Verräters Phraotes Surena, der von seinem Onkel nach Alexandria geschickt worden war. Ein sehr langer und beschwerlicher Weg durch die Wüste, dachte Bahram. Womöglich hatte Ahura Mazda bereits Erbarmen mit dem Verräter gehabt und hatte ihm einen gnädigen Tod gewährt. Denn ein langsames Verdursten in der Wüste war allemal barmherziger als das, was ihn in den Folterkammern des Schahanschas bevorstand!

    Noch einmal beteuerte Jabel, dass er und sein Onkel von den Geflohenen getäuscht worden waren. Er versäumte es natürlich auch nicht, den Schahanschah für seinen Großmut zu loben, der ihnen den Handel mit Parthia und den Ländern des Ostens gestattete. Ebenso versprach er, nichts darüber verlautbaren zu lassen, dass er seinen Auftrag in Ktesiphon nicht erfolgreich hatte zu Ende bringen können.
    "Nun gut! Die Nacht wirst du noch hier in unserer Obhut verbringen und morgen werden wir dann gen Palmyra aufbrechen!" Bahram gab einem seiner Männer ein Zeichen, damit dieser den Gefangenen wieder zurück in seine Zelle brachte. Er selbst erhob sich dann auch, denn es gab nich vieles, was vorzubereiten war. Noch am Abend hatte er unter seinen Männern zehn ausgesucht, die ihn nach Palmyra begleiten sollten.

    Der Gefangene besann sich endlich und erkannte die Ausweglösigkeit seiner Lage. Das war gut! Wenn er ihm nun noch erzählte, was Bahram hören wollte, konnte er vielleicht sein wertloses Leben doch noch retten. Zunächst aber tat Jabel das, was alle anderen Gefangenen in ihrem Verhör taten. Er bestritt, gewusst zu haben, wem er da geholfen hatte. "Natürlich, das sagen sie alle!" Bahram wurde langsam ungeduldig. Doch dann wurde der Kommandant doch hellhörig. "Was sagst du da? Sie nennt sich nun Nilofer?" Die Prinzessin hatte also den Namen ihrer Sklavin angenommen! "Sie will deinen Onkel heiraten? Und der Mann ist verschwunden?" Irgendwie passte das nicht zusammen! Die Prinzessin war aus dem Palast geflohen, um in Palmyra einen gewöhnlichen Kaufmann zu heiraten? Natürlich war Bahram der Name Ben Attar geläufig. Die Bene Attar gehörten zu den vier wichtigen Stämmen, die in Palmyra das Sagen hatten, mal abgesehen von den Rhomäern. Bahram dachte nach, wie er mit diesen Informationen umgehen sollte. Der Erhabene hatte ihm freie Hand gelassen, bei der Ergreifung der Prinzessin und ihres Helfers, des verräterischen Surena. Lediglich sollte er einen diplomatischen Zwischenfall mit den Rhomäern vermeiden.

    Jabel jammerte und bettelte um Gnade. Dabei rutschte er auf seinen Knien und warf sich ihm schließlich zu Füßen.

    "Ja, schon gut! Ich glaube dir. Steh auf und setzt dich wieder!" rief er seinem Gefangenen zu. "Mit etwas Glück hast du gerade deinen Kopf gerettet! Du wirst deinem Onkel keinerlei Nachrichten zukommen lassen! Weder dass du den Vater seiner Braut nicht gefunden hast, noch dass du mit mir und meinen Männern Bekanntschaft gemacht hast. Die Prinzessin soll sich in Sicherheit wiegen. Stattdessen wirst du mich und meine Männer nach Palmyra zum Haus deines Onkels bringen." Was dann mit ihm uns seinem Onkel geschehen würde, würde sich noch erweisen. Der Schahanschah würde ihn auch für die abgetrennten Köpfe der Helfershelfer der Prinzessin reich belohnen!

    "Nun liegt es an dir! Hilf mir, die Prinzessin zu finden und du wirst leben! Sträube dich dagegen und meine Männer werden dir auf der Stelle den Kopf abschlagen!" Wenn das kein faires Angebot war!

    Wie zu erwarten war, traf es den Herrscher besonders, als er erkennen musste, dass sich Angehörige vermeintliche getreuen Familien auf jener List zu finden war. Ausgerechnet das Haus Suren, welches auf eine Jahrhunderte lange Tradition zurückblicken konnte und zu das so eng mit dem Königshaus verwoben war! Doch Verrat war Verrat! Der Zorn des Schahanschahs würde sie alle treffen. Die kommenden Tage würden wieder Tage des Blutes werden, so viel stand fest!

    Bahram verbeugte sich vor dem Großkönig." Es wird alles so geschehen, wie du befiehlst, oh Erhabener!"

    Für die Sklavin der Prinzessin würde die Tortur weiter gehen. Es war ihr noch nicht vergönnt, zu sterben. Nun würde sie auch noch miterleben müssen, welche Auswirkungen ihr Geständnis auf die von ihr beschuldigten Personen hatte. Danach würde ihre Todessehnsucht ins Unermessliche steigen, während sie weiterhin durch jeden der Wachen geschändet werden durfte.gss


    Auch die letzte Anordnung des Großkönigs würde er Folge leisten. Er würde sich seine besten Männer herauspicken und die Prinzessin selbst suchen.

    "Wie du befiehlst, oh Erhabener! Wenn du erlaubst, werde ich mich selbst auf die Suche nach der Prinzessin und dem Verräter begeben! Meine fähigsten Männer werden mich dabei unterstützen. Am Ende werde ich dir die Flüchtigen zurückbringen, auf dass sie sich vor dir verantworten müssen!" Noch einmal verbeugte sich Bahram und wartete, bis der Schahanschah ihn entließ.

    Bahram war ganz gewiss nicht zu Spielchen aufgelegt. Dafür war die Sache viel zu ernst! Außerdem hatte er nicht vor, so zu enden, wie all die Beschuldigten, die der Prinzessin bei ihrer Flucht geholfen hatten. Sein Gegenüber plapperte munter drauf los und erzählte ihm etwas von seiner Karawane. Was interessierte ihn denn seine Karawane. Das waren doch alles nur Ablenkungsversuche, weil der Kerl in ganz offensichtlich für blöd hielt! Doch diese Art von Kundschaft war ihm die Liebste!

    Zunächst blieb er noch ganz er selbst. Er lächelte sogar, als dieser Kameltreiber es doch tatsächlich wagte, ihn ganz unverblümt zu bestechen!

    "Du willst mir also Geschenke machen, mmh?" Doch dann verengten sich seine Augen. "Wenn du mir nicht augenblicklich sagst, wohin du die Prinzessin und ihren Komplizen gebracht hast, wird dein Kopf in weniger als einer Stunde aufgespießt auf einer der Zinnen der Stadtmauer zu bewundern sein. Alleine schon für deinen niederträchtigen Bestechungsversuch sollte ich dir deine elende Haut abziehen lassen! Also, zum letzten Mal! Wo sind Prinzessin Shireen und dieser Verräter Phraotes Surena?" Damit dieser Kerl auch auch verstand, dass der Spaß längst vorbei war, wandte er sich zur Kerkertür um und rief seine Wachen herbei. Schließlich fokussierte er wieder seinen Gefangenen.

    Seitdem die Dienerin der geflohenen Prinzessin gestanden hatte, und Palmyra als mutmaßlicher Aufenthaltsort der Geflohenen offenbart worden war, waren die Karawanen aus Palmyra und deren Kaufleute in den Fokus der Palastwache geraten. Getarnt als Kaufleute oder Karawanenführer strichen sie über die Märkte, saßen in den einschlägigen Tavernen und sahen sich in den Herbergen nach Händlern aus Palmyra um. Sie belauschten Gespräche, und schnappten die Neuigkeiten aus Palmyra und dem Rhomäer-Reich auf. Meist waren es nur vage Informationen, die sie erhielten. So war schließlich herausgekommen, dass ein junger parthischer Mann sich kurz vor dem Verschwinden der Prinzessin nach einer Reisemöglichkeit nach Palmyra umgehört hatte. Mehrere Bestechungen später hatten sie schließlich herausgefunden, dass es eine Karawane der Bene Attar aus Palmyra gewesen war, die die Prinzessin und ihren Komplizen außer Landes gebracht hatte. Spätestens als sich herumgesprochen hatte, dass ein Karawanenführer der Bene Attar sich bei dem Marktaufseher nach einem Kaufmann erkundigt hatte, den es offenbar in Ktesiphon gar nicht gab, waren die Männer des Großkönigs hellhörig geworden, so dass schließlich ein Trupp aus zehn Männern der Palastwache in die Räume des Marktaufsehers eindraungen, um dessen Gast - ein gewisser Jabel Ben Attar Al Batra - festzunehmen.


    Stunden später, nachdem man ihn in eine dunklen Kerker geworfen hatte, öffneten sich die Türen seines Gefängnisses und zwei Wächter kamen, um ihn zu holen. Sie brachten ihn zu ihrem Kommandanten, der bereits im Vorfeld die Befragung der Sklavin Nilofer geführt hatte.

    Bahrams strenger Blick traf den Karawanenführer. Er wollte diese Sache schnell und problemlos hinter sich bringen. Der Gefangene sagte ihm, was er hören wollte und dann würde man ihn mit einem sauberen Schnitt durch seine Kehle entsorgen.

    "Wo ist sie?" fragte er lediglich und ließ seinen Gefangenen nicht aus den Augen.

    Bahram erhob sich und zog eine Wachstafel hervor. "Oh Erhabener! Die ruchlose Sklavin der verschwundenen Prinzessin Shireen hat endlich gestanden. Meine Männer konnten ihr eine ganze Liste von Namen entlocken. Namen von Helfershelfern der Prinzessin, oh Erhabener." Er hielt dem Schahanschah seine Wachstafel entgegen, auf der fast zwanzig Namen verzeichnet waren. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Sklavinnen des Harems. Doch fanden sich dort auch zwei Namen der Haremswächtern wieder, die sich bestechen hatten lassen, sowie Bedienstete des Palastes und ein Name, dessen Klang dem Herrscher bekannt vorkommen musste, denn er entstammte einer der vornehmsten Familien des Landes, deren Oberhaupt das Privileg zukam, die parthischen Großkönige zu krönen: Phraotes Surena! Eben jener Phraotes Surena, der zu den Freunden des verräterischen Bruders des Schahanschahs, Phraates gezählt hatte. Von letzterem fehlte ebenfalls jede Spur, denn er war es gewesen, der die Prinzessin aus dem Palast geschafft hatte und mit ihr geflohen war.

    Bahram war sie bewusst, wie ungeheuerlich diese Neuigkeiten waren und er fürchtete, der Zorn des Erhabenen könne auch ihn treffen. Doch glücklicherweise hatte er auch eine gute Nachricht zu vermelden:"Verzeih mir, Erhabener," begann Bahram schließlich. "Die Sklavin hat uns auch verraten, wohin ihrer Herrin mit diesem frevelhaften Surena geflohen ist: Palmyra!"

    Viele Tage hatte die Sklavin der geflohenen Prinzessin den schlimmsten Folterungen standgehalten. Sie war zäh gewesen und hatte alles, zwar unter furchtbaren Schreien, über sich ergehen lassen. Die Folterknechte aber hatten kein Erbarmen mit ihr und setzten ihr grausames Werk fort, bis die Sklavin endlich an dem Punkt angekommen war, an dem sie endlich gestand. Dutzende Namen von Helfershelfern hatte sie preisgegeben. Bahram Chobin, ein Kommandant der Palastwache, der die Befragung der Delinquentin führte, hatte alles peinlich genau von einem Schreiber notieren lassen. Keiner, der sich gegenüber dem Schahanschah schuldig gemacht hatte, sollte seiner gerechten Strafe entkommen! Als die Sklavin dann auch endlich preisgegeben hatte, wohin die Prinzessin und ihr Kumpan geflohen war, eilte Bahram sofort in den Palast, um dem Erhabenen Bericht zu erstatten. Es dauerte dann auch nicht lange, bis er zu Mithridates vorgelassen hatte.

    Sofort warf er sich vor seinem Herrscher zu Boden und wartete ergebenst, bis er das Wort an ihn gerichtet hatte.

    Hatra ist die Hauptstadt des gleichnamigen Königreichs,

    welches von einer lokalen arabischen Stammeselite geführt wird.

    Die Stadt ist eine typische Rundstadt und wird von

    einer 6 km langen, 3m breiten und 10m hohen Stadtmauer

    aus polygonalen Steinblöcken und Lehmziegeln geschützt,

    welche 11 Kastelle, 28 große und 163 kleine Wachtürme

    aufweist. Im Stadtzentrum liegt der zentrale

    Kultbezirk, welcher dem Gott Šamaš geweiht ist.

    Hatra ist ein wichtiger Handelsknotenpunkt für den

    Karawanenverkehr und liegt auch in einer bedeutenden

    strategischen Lage. Es ist zudem auch regionales Kult- und

    Verwaltungszentrum für die lokalen arabischen Nomaden.

    Es dauerte nicht lange, bis eine junge Frau hervortrat und sich als die Gesuchte vorstellte. Der Hauptmann beschwerte sich nicht darüber, das vereinfachte die Sache ungemein. Er gab seinen Wachen einen Wink, dass sie aufhören konnten, zu suchen, und nach und nach kamen sie alle wieder und bauten sich rings um die vermeintliche Prinzessin auf. Natürlich kannte keiner von ihnen die Prinzessin und wusste, wie sie aussah. Woher auch? Der Frauentrakt war den Wachen üblicherweise aus gutem Grund verboten. Sie betraten ihn nur, wenn sie den Befehl dazu hatten, taten dann das, was ihnen aufgetragen worden war, und gingen wieder, ehe irgendjemand auf die Idee kommen könnte, irgendeiner von ihnen hätte sich einer der Prinzessinnen und Konkubinen mehr als unbedingt nötig genähert. Die Wachen waren nicht dumm und keiner von ihnen war besonders wild darauf, kastriert oder getötet zu werden – was in den meisten Fällen dasselbe war. Immerhin verbluteten sieben von zehn Jungen bei der Prozedur.


    Der Hauptmann wartete also, bis die Eskorte rund um diese Prinzessin Shireen stand. “Unser aller Herrscher, Schahanschah, Hüter der Flamme Ahura Mazdas, Herr von Parni, Bezwinger des Siegreichen und euer aller Wohltäter“, sagte er laut und deutlich, damit die schluchzenden Frauen hier es alle hörten und daran erinnert wurden, wem sie hier alle gehörten. “...wünscht dich zu sehen. Folge uns.“

    Es war freundlich formuliert, aber im Grunde hatte die Frau keine Wahl. Sie wurde von den sechs Wachen flankiert, während der Hauptmann vorneweg ging. Sie hatte keine andere Wahl, als ihm zu folgen.


    Sie gingen bis zu den königlichen Räumen. Nicht den Privatgemächern, sondern dem repräsentativen Bereich, in welchem Mithridates bisweilen Gäste empfing, dies aber nicht so öffentlich wie im Thronsaal machen wollte. Dennoch waren auch hier die Räume groß, herrschaftlich und beeindruckend und mehr als geeignet, die Besucher einzuschüchtern.

    Dort wartete der Herrscher aller Herrscher auch schon auf einem goldenen Thron. Seine Mutter kniete neben ihm, den Kopf gesenkt. Offensichtlich hatte auch sie sein Zorn getroffen. Der Hauptmann verneigte sich tief vor seinem Herrscher, so tief es seine Rüstung eben zuließ.

    “Oh Erhabener! Hier ist Prinzessin Shireen, wie du befohlen hast“, verkündete er und trat beiseite, so dass sich besagte Prinzessin nun seiner Majestät stellen konnte.

    Als die Türen des Harems aufgerissen wurden und Wachen mit ihrem unverkennbaren, festen Schritt diesen Teil des Palastes betraten, herrschte sofort Panik. Mit lautem Schreien liefen einige der Frauen weg, versteckten sich in Nischen und hinter Möbeln und fingen an, zu beten und zu weinen. In den letzten Tagen war hier sehr viel Blut geflossen und es hatte sehr viele Tränen gegeben. Vor allen Dingen, als die Säuglinge getötet worden waren, war das Wehklagen sehr groß gewesen. Einige Frauen hatten versucht, ihre Kinder zu verteidigen und waren ebenfalls getötet worden. Und auch, wenn ihnen zugesichert worden war, dass hiermit ein Ende des Blutvergießens erreicht worden sei, trauten die meisten Frauen diesen Versprechungen nicht mehr. Vor allen Dingen diejenigen, die noch Kinder hatten, die nicht getötet worden waren, stoben zu eben jenen und versuchten, sie irgendwie in Sicherheit zu bringen vor dem vermuteten Todesurteil von ihnen allen.


    Über all das Wehklagen, den schrecken und das Jammern hinweg donnerte die Stimme des Hauptmannes dieser Abteilung: “Wo ist die Prinzessin Shireen? Der Schahanschah wünscht sie zu sehen!“

    An einigen Stellen war erleichtertes Schluchzen zu hören, andernorts hemmungsloses Weinen, aber keine Prinzessin Shireen. “Sucht sie“, befahl der Hauptmann seinen Wachen, die daraufhin ausschwärmten und anfingen, die Frauen einzeln nach ihrem Namen zu fragen und sie anzublaffen, ob sie wüssten, wo die Prinzessin Shireen wäre. Die Tore des Harems waren geschlossen, es gab nur einen Weg hinaus, also musste sie hier sein.

    RE: Die Öffnung von Pandoras Büchse


    Es war Mittag, als Prinz Orodes in Edessa ankam. Die Torwache ließ ihn ohne Probleme passieren und so galloppierte er wie von den Furien gejagt durch die Straßen der Stadt. Erst gestern hatte er in Carrhae wieder das Pferd gewechselt, um noch schneller wieder zuhause sein zu können und die schrecklichen Drohungen des Großkönigs überbringen zu können. Dann, vor dem Palast seines Bruders angekommen, brachte Orodes schlitternd sein Pferd zum stehen und sprang ab. "Der König! Schnell! Wo hält er sich im Moment auf? Ist er im Palast anwesend?" Die verdutzte Wache hatte den Prinz erkannt und meinte nur: "An mir ist er heute noch nicht vorbeigegangen, also muss er sich im Palast aufhalten, ja Herr." Das genügte Orodes. "Hier" sagte er und drückte der Wache die Pferdezügel in die Hand, dann lief er weiter.


    Im Inneren des Palastes fragt er noch einmal diverse Diener, bis er endlich herausbekommen hatte, dass sein Bruder sich im Moment im Westflügel im Sitzungssaal aufhielt bei einer Stabsbesprechung mit hochrangigen Generälen seiner Armee. Wie passend für das kommende Gespräch. In hohen Bogen sprangen die Türflügel zum Saal auf und Orodes stürzte keuchend herein und blieb vor den Anwesenden stehen.


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    Abgar VIII., König von Osrhoene


    König Abgar VIII. blickte überrascht auf. "Orodes, mein kleiner Bruder!", rief er erfreut, als er ihn erkannte und stand dann auf, um Orodes in den Arm zu nehmen. Dann streckte er ihn wieder eine Armlänge von sich und fragte: "Ich freue mich sehr dich lebend wiedersehen zu können, doch sprich, wie hat der Schahanschah reagiert?" Noch bevor sein kleiner Bruder auch nur den ersten Ton herausbrachte, sagte sein Gesichtsausdruck bereits alles was der König wissen musste. "Er möchte uns für unseren Ungehorsam bestrafen. Der Schahanschah möchte mit hunderttausend Soldaten in unsere Länder einfallen, unsere Frauen und Kinder umbringen, Edessa zerstören und deinen Kopf, geliebter Bruder.. deinen Kopf möchte er auf der Spitze eines Pfahls wiedersehen." König Abgar hatte diese Neuigkeiten mit Sorge aufgenommen und auch seine Generäle im Hintergrund hatten miteinander zu tuscheln begonnen. Abgar seufzte. "So wurde die Büchse der Pandora also über uns allen geöffnet. Wie steht es mit Rom? Wird es uns zu Hilfe eilen?"


    "Ich weiß es nicht, mein König. Der Römer dort bei der Krönungsfeier hatte uns Hilfe zugesagt, doch hörte ich noch im Gehen, wie der Schahanschah seine Verhaftung befohlen hatte. Gut möglich also, dass er es nicht mehr aus Ktesiphon hinausgeschafft hat." Abgar nickte und brummte. "Gut, dann müssen wir uns noch einmal direkt an die Römer wenden. Auf ihren Gesandten dürfen wir uns nicht verlassen. General Philemon!" rief er und drehte sich zu seinen Generälen um. "Wieviel Zeit haben wir, bis wir mit dem Auftauchen der parthischen Armeen an unseren Grenzen rechnen dürfen?" Der Angesprochene General kratzte sich am Kinn. "Schwer zu sagen, es kommt darauf an aus welchen Ecken des Reichs der Schahanschah seine Truppen zusammenzieht. Wenn er nur auf Soldaten aus dem westlichen Teil, von Ekbatana bis Armenien, zurückgreift vermutlich so in 2 bis 3 Monaten, doch will er auch die Reiterhorden aus Chorasan einsetzen, vermutlich noch 1 oder 2 Monate länger." König Abgar nickte. "Gut, also im schlimmsten Fall in zwei Monaten. Wir müssen uns darauf vorbereiten und entsprechende Vorräte anlegen und Soldaten ausheben. Auf welcher Gesamtstärke liegen wir im Moment?"


    Fragend blickte er in die Runde, bis sich einer der Generäle räusperte. "Unsere letzte Rekrutierungsinitiative letzten Monat hat uns zusätzliche 6000 Mann gebracht. Damit liegen wir jetzt bei einer Gesamtstärke von 45.000 Mann. 30.000 davon Kavallerie, die restlichen 15.000 Infanterie." Das gab dem König einen leichten Stich ins Herz. "Das ist zu wenig, das ist viel zu wenig..."

    "Ich weiß, o königliche Majestät, doch nicht mehr lange und wir kommen an die Grenzen unserer Rekrutierungskapazitäten. Wir müssen auch noch genügend Leute auf den Feldern lassen zur Nahrungsmittelproduktion, damit der Nachschub gesichert ist. Wenn wir jedoch wirklich an unsere äußersten Grenzen in der Truppenaushebung gehen würden, dann würden wir zusätzliche Truppen in Höhe von..."

    Abgar seufzte. "Es bringt nichts, wir werden wohl wirklich auf die Hilfe der Römer setzen müssen."

    "Fragt sich eben nur, ob sie uns auch beistehen werden", mischte sich da Prinz Orodes ein.

    "Das müssen sie einfach! Sie versuchen doch auch schon seit langem die Parther niederzuwerfen! Welche bessere Gelegenheit hätten sie denn, außer die jetzige?"

    "Ja schon, aber es wird gewiss auch seinen Grund haben warum sie es bislang trotzdem nicht geschafft haben! Außerdem, was denkst du wieviele Krieger sie uns schon schicken werden?"

    "Das weiß ich nicht, jedoch habe ich gehört, dass schon eine einzige Legion der Römer es mit einer barbarischen Übermacht von der doppelten Kriegerzahl und mehr aufnehmen kann! Alles was wir brauchen würden, wären also nur zwei  bis drei ihrer Legionen, zusammen mit unseren eigenen Soldaten könnten wir den Angriff des Schahanschah abwehren..."


    Schweigen herrschte für eine Weile im Raum, während der jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Ob Rom zu Hilfe eilen würde oder nicht stand in den Sternen und alleine konnten sie den Partherkönig niemals zurückschlagen. Nicht nur, dass ihre Truppenzahlen viel zu niedrig dafür waren, sondern auch, weil sich die Soldaten Osrhoenes in ihrer Qualität nicht groß von denen der übrigen parthischen Streitkräfte unterschieden. Also war vielleicht eine genügend hohen Mannesstärke doch ausschlaggebend.


    "Majestät, was befehlt Ihr nun?" unterbrach da dann General Philemon die Stille. Abgar leckte sich über die Lippen. Er durfte jetzt nicht die Nerven verlieren, immerhin hatte Alexander der Große im gleichen Alter bereits den Perserkönig gestürzt und Persepolis gebrandschatzt gehabt und wäre gerade mitten in den Vorbereitungen seiner Feldzüge nach Sogdien und Indien gewesen, also sollte König Abgar VIII. doch wohl auch in der Lage sein Großkönig Mithridates V. von Edessa fernzuhalten!


    "Hebt weiterhin Truppen aus und legt so viele Vorräte wie möglich an! Außerdem verstärkt die Stadtmauern von Edessa und holt die Landbevölkerung in den Schutz der städtischen Mauern, doch noch nicht sofort, sondern erst im Laufe des kommenden zweiten Monats. Das wäre es soweit." Für genauere Befehle und genauere Zahlen müsste der König noch einmal exakter die Unterlagen und öffentlichen Aufzeichnungen prüfen. Doch jetzt entließ er seine Generäle und seinen Bruder und machte sich auf den Weg in seine königliche Kanzlei. Immerhin galt es einen Brief an den römischen Imperator aufzusetzen. Jede Minute war kostbar, der Feind konnte schon in wenigen Monaten vor den Reichsgrenzen Osrhoenes auftauchen.

    Die Öffnung von Pandoras Büchse


    Es war der Tag der Krönung von Mithridates V. in Ktesiphon. König Abgars Bruder, Prinz Orodes, stand in jenem Moment auf den Stufen der Großen Treppe und hatte gerade erst vor dem Großkönig Osrhoenes Abfall vom parthischen Thron erklärt und den römischen Beobachter der Feier, Senator Gnaeus Helvidius Eburna um Roms Hilfe angerufen gehabt. So stand der Prinz nun auf der Treppe und erwartete die Antwort des Römers. Orodes hatte sich sehenden Auges in diese Gefahr begeben, darauf vertrauend, dass die Parther sich an ihren Brauch halten und niemanden am Krönungstag umbringen würden. Nun hatte er die Botschaft seines Bruders überbracht und alles hing von Roms Reaktion ab. Mit stummen Bitten in seinem Blick ließ der Prinz diesen auf Senator Eburna ruhen, bis dieser endlich einlenkte und verkündete: "Kraft der mir verliehenen diplomatischen Vollmacht gewähre ich Osrhoene provisorisch Roms Unterstützung, bis der Augustus und der Senat die entgültige Entscheidung hierüber getroffen haben!" Orodes strahlte und sein Herz wurde um vieles leichter. Also hatte der Plan seines Bruders doch den leichten Hauch einer Chance. Nur zu verständlich, dass dies dem Großkönig gar nicht gefiel. An den Osrhoener gewandt rief er daher: "Danke den Göttern, dass am Krönungstag kein Blut fließen darf, ansonsten würdest du auf der Stelle sterben! Und auch du, Römer!", ließ er auch Senator Eburna wissen. Zurück bei Orodes sprach Mithridates weiter: "Verschwinde nun aus meinem Angesicht und überbringe meine Botschaft an deinen Bruder! Freut euch eurer Freiheit, sie wird nicht lange währen! Ich werde mit hunderttausend Soldaten nach Edessa kommen, ich werde eure Mauern niederreißen und die Straßen mit dem Blut eurer Frauen und Kinder füllen! Der Kopf deines Bruders wird auf einem Pfahl enden und seine Gedärme die Schweine fressen! Tod und Verderben soll euer Los sein! Geh, und künde deinem König welche Saat er seinem Volke gesäht hat!" Orodes' Blick verhärtete sich, doch er machte sofort kehrt und begann die Stufen hinunter zu laufen, vorbei an den übrigen immer noch am Boden liegenden Satrapenkönigen. Würdet ihr euch doch auch nur unserer Sache anschließen, anstatt euch ein weiteres Leben lang binden zu lassen, dachte sich der Prinz im Vorbeigehen. Auch hörte Orodes wie in seinem Rücken der Großkönig seine Wachen dazu aufrief den Römer verhaften zu lassen und dass in weiterer Folge ein Tumult ausbrach, doch Orodes blieb nicht stehen und drehte sich auch nicht um, um die Geschehnisse dort oben am Pavillon selbst sehen zu können, besser er machte sich jetzt daran, dass er aus der Stadt verschwand, ehe es sich König Mithridates anders überlegte und auch ihn verhaften ließ.


    So spurtete der junge Prinz die Treppe hinab und dann seitlich zu jenem Pferd, mit dem er vorhin zusammen mit den anderen Königen an seines Bruders Stelle in Ktesiphon eingezogen war. Wie gut, dass er auf diese Weise gleich ein Reittier bei der Hand hatte! Er riss dem Sklaven, die Zügel aus der Hand, der sie die ganze Zeit über gehalten hatte und schwang sich auf sein Ross. Dann wendete er es in Richtung Stadttor und sprengte los. Verdutzte Blicke aus der Menge des Volks verfolgten ihn. Sie hatten nicht genau verstanden was hoch oben am Pavillon genau gesprochen worden war, doch des Großkönigs Gesichtsausdruck und Fuchtelei und der Umstand, dass der stehengebliebene "Vasallenkönig" sich vor Ende der Zeremonie vom Großkönig entfernte und auf dem Rücken eines Pferdes davonritt, war merkwürdig genug, damit auch die in den hintersten Reihen sofort wussten, dass etwas entsetzlich schief gelaufen sein musste bei dieser Krönung.


    Prinz Orodes passierte das Stadttor und wandte sein Pferd in Richtung Nordwesten. Die darauffolgende Zeit der nächsten Tage ritt er entlang des linken Ufers des Tigris. Bei Aššur setzte Orodes über den Fluss über und folgte dem Tigris bis Ninive, von da an verließ er ihn und ritt nach Osten bis Singara und Carrhae. 15 Tage später nach seinem Aufbruch aus Ktesiphon hatte Prinz Orodes dann endlich Edessa erreicht.

    Edessa ist eine uralte Stadt. Schon die Sumerer, die Akkadier

    und später die Hethiter erwähnten sie in ihren Texten.

    Ihren heutigen Namen erhielt die Stadt jedoch erst nach den Eroberungszügen

    Alexanders des Großen, als einer seiner Diadochen, Seleukos I. Nikator,

    die Stadt Edessa neu gründete. Während der Regentschaft

    von König Antiochos IV. Epiphanes hieß die Stadt auch zeitweise

    Antiochia Kallirhoe. Nach der Periode der Herrschaft

    der Seleukiden, fiel Edessa von deren Reich ab und wurde neue Hauptstadt

    des jungen und unabhängigen Königreichs Osrhoene,

    bis zu jenem Tage, da Großkönig Mithridates II.

    Edessa ins Partherreich eingliederte.

    Zwischenepisode: Freiheit für Osrhoene


    Das Königreich Osrhoene mit seiner Hauptstadt Edessa hatte nur eine Sache mit dem Partherreich gemeinsam; es war eines der vielen kleinen Königreiche, die im Zuge des Niedergangs der ehemals mächtigen Dynastie der Seleukiden entstanden war. Der große Unterschied zwischen den beiden Reichen war nur, dass Osrhoene es verschlafen hatte weiter zu expandieren, während die Parther die Nachfolge der Seleukiden in der Region antraten, was sich so ereignete:


    Im Jahre 67 nach der Eroberung Babylons* lebten Teile des nomadischen Volks der Parni, ein skythischer Teilstamm der Dahae, unter ihrem Anführer Arsakes in der seleukidischen Satrapie Parthien in Chorasan an den äußersten Grenzen des Seleukidenreichs. Sie waren seit ihrer Einwanderung aus dem Norden in die lokale Bevölkerung assimiliert worden und hatten auch die parthische Sprache und den zoroastrischen Glauben angenommen. In eben diesem Jahr hatte der seleukidische Satrap von Parthien, Andragoras (vermutlich ein Perser oder ein anderer Iraner), die allgemeine Schwäche des kriegsgebeutelten Großreichs von König Seleukos II. dem Siegreichen ausgenutzt und seine Satrapie vom übrigen Reich abgespalten und sich für unabhängig erklärt. Lange jedoch währte seine Herrschaft nicht, denn mit dem Wegfall der seleukidischen Unterstützung stand Satrap Andragoras plötzlich ganz alleine dar und war daher leichte Beute für Arsakes und die Parni. Arsakes ritt in die Hauptstadt und entmachtete den Satrapen. Er erklärte sich zum neuen Herrn Parthiens und zum König. Von diesem Tage an hießen die Parni Parther und dies war die Geburtsstunde ihres Königreichs. König Seleukos II. der Siegreiche unternahm daraufhin einige militärische Versuche die parthische Unabhängigkeitserklärung rückgängig zu machen, doch am Ende unterlag er König Arsakes I. und er und seine Nachfolger eroberten in den nächsten Jahrzehnten ein Land nach dem anderen. Einmal entfesselt war ihr Siegeszug nicht mehr aufzuhalten, nach Parthien fiel ihnen Hyrkanien zum Opfer und später unter anderem im Jahre 162 auch Medien, 172 Mesopotamien und 177 die Persis.


    Im Jahre 182 war es schließlich dann Partherkönig Mithridates II. (auch genannt "der Große" und erster Träger des erneuerten Titels König der Könige), siebenter Nachfolger von Arsakes, der vor den Toren Edessas stand und König Aryu von Osrhoene zur Unterwerfung seines Königreichs unter parthische Oberherrschaft aufforderte. Osrhoenes Nachbarländer Adiabene und Gordiene waren bereits gefallen und so blieb Aryu nichts anderes übrig, als sich ebenfalls zu einem Vasall des Mithridates zu machen. So geriet Osrhoene in die Knechtschaft der Arsakiden und so wurde der Euphrat die neue entgültige Westgrenze Parthiens.


    260 Jahre waren seit den Tagen König Aryus vergangen, da er sein Land an den Großkönig verkaufen hatte müssen, 260 Jahre der Abhängigkeit. Nicht, dass es den Königen von Edessa besonders geschadet hätte, im Gegenteil. Osrhoene hatte aufgrund seiner besonderen Lage schon immer wirtschaftlich und kulturell floriert. Genau im Herzen der Östlichen Königreiche gelegen, bildete es eine Art Schlüsselposition und eine Verbindung zwischen Syrien und Kappadokien im Westen, Armenien im Norden, Mesopotamien und Babylonien im Südosten und Arabien im Süden. Die Bevölkerung von Osrhoene bestand aus hellenisierten Arabern und Semiten unter der Herrschaft der arabisch-nabatäischen Abgar-Dynastie. Hauptsprachen waren Griechisch in Edessa und Aramäisch im übrigen Reich. Osrhoene partizipierte am, durch das Land gehenden Fernhandel und entsprechend wohlhabend und kulturell durchmischt waren auch die Bewohner. So trugen sie z.B. persische, griechische, römische und arabische Namen, führten parthische Waffen in die Schlacht und nutzten römische Münzfüße. Auch viele Christen gab es in Edessa.


    Man sah also, dass es Osrhoene auch unter der Herrschaft des parthischen Großkönigs gut ging, doch die zu zahlenden Tributleistungen waren über die Jahrzehnte immer horrender geworden und auch der Blutzoll an eingezogenen osrhoenischen Männern, die auf den Schlachtfeldern der parthischen Feldzüge zurückblieben, war nicht unerheblich. Erst der letzte Großkönig, Osroes, hatte viele gute Männer Osrhoenes in dem blutigen Bürgerkrieg gegen seine Brüder geopfert, als er vor dreißig Jahren die Macht ergriff und auch nach seiner Thronbesteigung hatte er die geforderten Tribute an Edessa noch einmal empfindlich erhöht zum Ausbau des Reichs und der Hauptstadt Ktesiphon. König Abgars Vorgänger, sein Vater König Yalur Sumaqa, hatte dem noch zugestimmt und nach dessen Tod hatte auch Abgar VIII. den Treueschwur seines Vaters gegenüber Großkönig Osroes eingehalten, doch Abgar war nicht Yalur. Er war Angehöriger einer jungen und selbstbewussten Generation, die mehr wollten, als ein ödes Vasallenleben. Sie wollten den Reichtum Osrhoenes nutzen, um ihre Heimat wieder unabhängig und groß zu machen und die nach Ktesiphon abfließenden Tributzahlungen stoppen und lieber in das eigene Königreich zurückinvestieren. Dazu musste es einen Bruch mit Parthien geben, das war klar und der Tod des alten Großkönigs war die ideale Situation, um jenes Abenteuer endlich zu wagen, von dem König Abgar und seine Altersgenossen schon so lange geträumt hatten. Freiheit von Parthien, wieder Herr im eigenen Hause sein! Ein idealistisches und doch wunderbares Traumbild.


    Alles was es dazu benötigte war nur eine gehörige Portion Mut, etwas Glück und die richtige Strategie, dann konnte das Wunder vielleicht Wirklichkeit werden und Osrhoene seinen eigenen Aufstieg zum regionalen Machtfaktor angehen. Abgar VIII. war bereit dieses Spiel zu wagen! Für Osrhoene!

    Doch natürlich wäre es politischer und realer Selbstmord, wenn man sich ohne entsprechend starke Verbündete von Parthien lossagte und hier kam Rom ins Spiel. König Abgar hoffte darauf, dass Rom Edessa zur Hilfe eilen und es in Zukunft vor dem Zorn des Großkönigs schützen würde, alles was es dazu bedurfte war nur genügend Mut und Entschlossenheit zu zeigen, damit alle Welt auch ja sah, dass sie es Ernst meinten. Und wie könnte man dies besser und effektvoller bewerkstelligen, als sich am Tage der Krönung des neuen parthischen Machthabers vor allen versammelten parthischen Vasallen und den römischen Beobachtern für unabhängig zu erklären und gleichzeitig Rom um ein Bündnis zu bitten? Ei, das wäre eine glänzende Sache!

    Rom wäre beeindruckt vom Mut des kleinen Königreichs und würde bestimmt mit Freuden in die dargebotene Hand Osrhoenes einschlagen, besonders, wo sie ja dann auch Zugang zu dieser wichtigen Schlüsselstellung zwischen allen großen Ländern des Ostens hätte. Und der Großkönig würde bestimmt zögern und Edessa nicht sofort angreifen aus Furcht vor dem römischen Zorne und der Erfolg von Abgars Aktion wäre ein starkes Zeichen an alle anderen unterworfenen Länder, ebenfalls aufzustehen und ihre Fesseln abzuschütteln. Parthien war verwundbar und schwach, wenn nur genügend Vasallenkönige zusammenhielten und sich gegen Mithridates V. erhoben, immerhin beruhte die gewaltige parthische Schlagkraft doch nur in der Kombination aller Armeen der Vasallenherrscher, die auf Ktesiphons Befehl hin ihre Heerscharen zusammenzogen. Doch welche nennenswerte Armee hätte der Großkönig schon, wenn kein Vasall seinem Ruf zu den Waffen folgen würde? Gar keine!


    Es musste nur jemand den ersten Schritt wagen und dazu war Abgar bereit. Am Tage der Krönung ließ er seinen jüngsten Bruder, Prinz Orodes, in der parthischen Hauptstadt eintreffen, damit dieser seines Bruders Platz unter den Reihen der Satrapenkönige im Krönungsgefolge des Mithridates einnehmen und dann zur rechten Zeit auf möglichst aufsehenserregende Art die Botschaft von Osrhoene der Welt verkünden sollte; Osrhoene war ein freies und unabhängiges Land und kein Parther hatte nie wieder dort etwas zu suchen!


    Alles würde genau so kommen, da war sich König Abgar VIII. ganz ganz sicher.


    Sim-Off:

    * = Das 67. Jahr (245 v. Chr.) nach der seleukidischen Jahreszählung, die mit dem Jahr 312 v. Chr. beginnt, als während der Diadochenkriege der Feldherr Seleukos I. Nikator Babylon erobert hatte


    Sim-Off:

    ** = Jahre nach der Seleukidischen Ära: 162 = 150 v. Chr., 172 = 140 v. Chr., 177 = 135 v. Chr, 182 = 130 v. Chr.