Beiträge von MITHRIDATES V.

    Es hatte einige tage gedauert, aber scheinbar war die Sklavin nun gebrochen. Mithridates V. Lächelte und strich sich einmal selbstzufrieden über den Bart. Eine Liste mit Namen von Helfershelfern. Also würden diejenigen, die seiner Rache bislang vielleicht zu entkommen geglaubt hatten, nun noch ihre Strafe erhalten, und auch sie würden zweifellos weitere Leute verraten. Ganz zweifellos, sofern nur genügend Schmerz zugefügt würde.

    Er ließ sich die Tafel geben und überflog die Namen. Die meisten sagten ihm nichts, da sie zu unwichtig waren, sich damit auch nur näher zu beschäftigen. Zweifellos würde seine Mutter die Namen derer erkennen, die im Harem lebten, und bei deren Identifizierung helfen können. Ja, so würde sie noch ein Stück weiter in seiner Gunst steigen, und sie würde sich diese Gelegenheit sicher nicht entgehen lassen.

    Als der Blick des Großkönigs tiefer glitt, verfinsterte er sich aber für einen Augenblick, als tatsächlich der Namen eines Edlen darauf zu finden war. Zuvor war es höchstens ein Verdacht gewesen, ein Schatten, der auf die Familie Surena gefallen war. Nun aber gab es ein Geständnis, einen Beweis, und nichts konnte den Hammer davon abhalten, nun auf die gesamte Familie niederzufallen.

    "Ich will, dass ihr die Mitglieder der Familie dieses Verräters festsetzt und in die Kerker bringen lasst. Sie alle sollen der Folter unterzogen werden, bis auch der letzte von ihnen gestanden hat und offenbart hat, wie weit der Verrat dieser Familie reicht. Und ich meine alle." Nein, Mithridates war nicht weichherzig oder großzügig, er war nicht naiv und leichtgläubig. Er würde nicht die Kinder oder die Alten verschonen aus Nostalgie, nur um sich in zehn Jahren nach dem Dolch im Rücken umzusehen. Nein, er würde nicht die Frauen wieder zu ihren Familien schicken, auf dass sie den Hass in diese weitertrugen. Nein, er würde diesen Quell des Ungehorsams an der Wurzel packen und aus seinem Reich entfernen lassen, auf dass er nie mehr sprießen möge.

    "Die übrigen sollen ebenfalls hingerichtet werden. Verhört sie zuvor, ob sie etwas wissen. Achja, lasst die verräterische Sklavin dabei zusehen." Nein, mit der Sklavin, die es gewagt hatte, ihm zu trotzen, mit der war er noch nicht fertig. Er würde ihr noch nicht erlauben, zu sterben. Oh nein. Sie würde ein langes, schmerzvolles Leben haben, den Kerkerwachen jederzeit zum Vergnügen bereitstehen, einige Sklaven dabei gebären und letztendlich um Erlösung betteln. Aber fertig war Mithridates mit ihr erst, wenn die Prinzessin neben ihr an die Wand gekettet wäre und sie als Spielzeug ablösen würde. Nicht vorher.


    "Ich wünsche keinen diplomatischen Zwischenfall mit dem römischen Reich. Schick eine Gruppe deiner besten Männer. Solche, die auch unter Folter nichts verraten. Sie sollen sich auf ihre Spur begeben und sie suchen. Unauffällig, versteht sich. Wenn sie die Verräterin finden, sollen sie und ihre Familien reich belohnt werden. Sie sollen sie und den Verräter, der sie entführt hat, zurückbringen. Wenn es vernünftig vertretbar ist, lebendig. Wenn nicht, reicht auch ihr Kopf."

    Wenigstens einige gute Nachrichten waren in der Zwischenzeit eingetroffen. Der flüchtige Römer war noch innerhalb der grenzen des Reiches aufgegriffen und gefangen worden und wurde nun heimlich, still und leise zurück nach Ktesiphon gebracht. Seine Wachen hatten den Befehl, ihn beim kleinsten Anzeichen eines Fluchtversuches zu töten. Als Geisel war er für spätere Verhandlungen, sollte es jemals soweit kommen, zwar wertvoller, aber Mithridates wollte kein weiteres Risiko eingehen. Sollte der Römer die Kerker unter dem Palast erreichen, gut. Wenn nicht, auch gut. Hauptsache, niemand hatte Gelegenheit, von diesem entwürdigenden Debakel bei der Krönungsfeier zu berichten. Und dass niemand davon berichten würde, dafür würde Mithridates Sorge tragen.


    Der Harem war nun auch weitestgehend gesäubert von sämtlichen subversiven Kräften. Der Rest der Frauen war ihm treu ergeben oder zumindest so weit in Angst, dass sie es nicht wagen würden, sich zu verschwören. Endlich konnte er sich also auf die Gründung seiner eigenen Dynastie konzentrieren und mit einigen weiteren, eigenen Nachkommen seinen Thron noch festigen.

    So hatte sich Mithridates’ Laune auch im Vergleich der letzten Tage etwas gebessert. Nun musste nur noch die flüchtige Viper geschnappt und gerichtet werden, dann wäre endlich alles so, wie es sein sollte.


    Als nun also der Kommandant der Palastwache kam und sich vor dem Thron auf dem Boden warf, ließ Mithridates ihn sich auch bald erheben. "Was gibt es zu berichten?" fragte er und hoffte auf weitere, gute Neuigkeiten.

    Das konnte, das DURFTE nicht sein! Erst floh dieser Römer, nachdem er um Haares Breite einen Krieg ausgelöst hätte, und nun entzog sich diese Natter an seinem Hof und floh? Mithridates war außer sich vor Zorn. "Ich bin der einzige Allmächtige hier!" brüllte er die trotzige Sklavin an und gab ihr eine Ohrfeige, die ihren Kopf von einer Seite zur anderen warf und danach einen roten Handabdruck auf ihrer Haut hinterließ.


    Nein, das eben war nicht königlich gewesen. Er richtete sich auf und räusperte sich. Kurz blickte er zu seiner Mutter, die sich nun doch als sehr nützlich erwiesen hatte. "Erheb dich, Mutter", sagte er ruhig und gab ihr damit zu verstehen, dass sie seinem Zorn bis auf weiteres entkommen war.

    Ganz anders aber als die trotzige Sklavin hier vor ihm, die es gewagt hatte, ihn anzulügen, und obendrein noch, ihn zu verspotten. Nein, die würde sich in den nächsten Tagen noch wünschen, dass sein Zorn ihn übermannt hätte, um ihr all das, was folgen würde, zu ersparen.

    "Bringt sie in die Kerker. Ich will alles wissen, was sie über die Prinzessin weiß. Ihr könnt es auf jede Weise aus ihr herauspressen, die euch angemessen erscheint, aber ich will sicher sein, dass kein einziges ihrer Geheimnisse zurückgehalten wurde." Es war Mithridates vollkommen gleich, ob die komplette Kaserne seiner Wachen sich an ihr vergehen würde, solange sie noch alle Zähne und Finger hatte, oder ob sie sie gleich damit beginnen würden, ihre Knochen zu brechen.

    "Aber tötet sie nicht schnell. Sie soll um die Gnade des Todes betteln, ehe ich entscheide, ob ich ihn ihr gütig gewähre." Und betteln würde sie zweifellos. Alle bettelten, wenn die Folterer erst einmal richtig loslegten. Bei manchen dauerte es nur ein paar Stunden, bei anderen mehrere Tage. Aber betteln taten sie alle.


    Die Wachen beherrschten sich, nicht zu grinsen, sondern behielten ihre Ernste Miene bei, als sie sich vor ihrem Schahanschah verneigten und die Sklavin Nilofer mit sich schleppten.

    Es war fast schon zu einfach, dieses kümmerliche Wesen vor ihm in den Staub zu treten und sich winden zu lassen. Ja, sie zitterte und flehte, sagte ihm alles, um ihr erbärmliches Leben damit zu retten. Nur schaffte sie es nicht, damit wirklich seine Laune zu heben, denn in der Tat war es zu einfach. Mithridates hatte sich selbst mehr davon versprochen, sie so erniedrigt zu sehen, aber jetzt konnte es seinen Hunger nach Vergeltung nicht wirklich stillen. Enttäuscht verzog er den Mund und ging wieder zurück in Richtung seines Thrones.

    "Was mache ich nun also mit einer Dienerin, die Unruhe in meinen Palast bringt und zu Aufwiegelung und Trotz anstachelt?" fragte er, als würde er darauf ernsthaft eine Antwort suchen. Im Grunde war das Schicksal der Prinzessin doch schon längst besiegelt gewesen, seit dem Augenblick, als sie danach gefragt hatte, den Palast verlassen zu dürfen. Und so langsam langweilte Mithridates dieses Spiel.

    "Nun, Prinzessin Shireen, was denkst du, was ich mit dir am besten machen soll?" fragte er also noch einmal süffisant, als er sich hinsetzte.


    In dem Moment geschah dann doch etwas Unerwartetes und Ärgerliches. Seine Mutter hatte wohl die Lektion ihres Sohnes doch nicht verstanden, denn sie verließ ihre Position schräg rechts vor ihm und warf sich ihm direkt vor seine Füße. Niemand hatte ihr erlaubt, sich zu bewegen, und sie hatte Glück, dass keine Wache direkt neben Mithridates stand, denn diese Dummheit hätte sie das Leben kosten können. Ein kleiner Fluch zum Schutz entfleuchte dem König der Könige und er starrte auf seine Mutter, die noch einmal ungebührlich sich selbst die Erlaubnis erteilte, zu sprechen. "Mein Sohn, das ist nicht die Prinzessin Shireen!"


    Mithridates wollte gerade schon seinen Zorn aufflammen und auf beide Weiber niedergehen lassen, als die Nachricht seiner Mutter in sein Bewusstsein drang und ihn einen Moment verstummen ließ. Oh, er war so ein Narr! Das war es, was ihn gestört hatte! Die Wachen hatten ihm die Falsche gebracht!


    Sofort war er wieder auf den Beinen und ging um seine Mutter herum, die durch diese Äußerung ihr eigenes, erbärmliches Leben trotz ihrer Anmaßung gerettet hatte, und trat drohend in Richtung der vermeintlichen Prinzessin. "Wachen!" befahl der Großkönig kurz seinen Wachen mit einer Geste, dieses Gewürm vor ihm auf die Beine zu zerren, damit er sie ansehen konnte.

    Und tatsächlich, diese Gesichtszüge erinnerte er nicht. Während die vermeintliche Prinzessin von zwei Wachen links und rechts gehalten wurde, funkelte der Großkönig sie vor Wut entsetzt an. "Wer bist du und wo ist die Prinzessin Shireen?"

    Sie hatte Angst, aber noch nicht genug, um Mithridates' Laune zu heben. Sie sollte vor ihm im Staub kriechen und um ihr erbärmliches Leben flehen. Und nur vielleicht würde er dann genug Gnade zeigen, um ihren jungen Körper erst zwei oder drei Mal zu benutzen, ehe er sich ihrer entledigte. Vielleicht, sollte sie empfangen, würde er bis zur Geburt auch warten. Aber all dies nur vielleicht.

    Im Moment verzog Mithridates verächtlich den Mund und ging weiter um die vermeintliche Prinzessin herum. Irgend etwas nagte weiterhin an seinem Bewusstsein, aber er vermochte nicht, es zu bestimmen. "Ach, wirklich? Dann träumst du nicht mehr davon, den Palast zu verlassen? Und dich einen Tag unter den Pöbel der Stadt zu mischen wie eine Straßenhure? Du möchtest nun doch lieber in meinem Harem sein?"

    Seine Stimme ätzte fast vor Spott und Hohn. Oh ja, es tat gut, diese Frau so erniedrigt vor ihm zu sehen, so im Staub vor seiner Gegenwart und in dem Wissen, dass ihr Leben einzig in seiner Hand lag.


    Hinter ihm rührte sich seine Mutter, nur ganz leicht, aber er bemerkte es. Er war gerade in der passenden Stimmung, alles zu bemerken und aufs Äußerste zu bestrafen. "Habe ich dir erlaubt, dich zu erheben?"" donnerte er in ihre Richtung, und seine Mutter sackte wieder weiter auf die Knie und auf den Boden wie zuvor.

    "Mein Sohn, bitte..."

    "SCHWEIG!" donnerte er noch lauter und ärgerlicher. Was erdreistete sich diese Frau, ihn anzusprechen? Auch noch mit Sohn und nicht mit König? Vielleicht überdachte er seine Haltung zur Tötung der eigenen Mutter auch noch einmal. Jetzt schwieg sie erst einmal zitternd, während er, Mithridates V., schnaubte.

    "Du hast diesen Ungehorsam in die Zimmer der Frauen gebracht, Shireen. Deinetwegen erdreisten sich nun Frauen, ungebührlich in Gegenwart ihres Königs zu sprechen! Leugnest du das?" wandte er sich nun wieder der Prinzessin zu, deren Bestrafung ihm ein Vergnügen sein würde, so viel stand fest.

    Noch immer kauerte seine Mutter zu seinen Füßen. Er erlaubte ihr bislang nicht, sich zu erheben, zu groß war sein Zorn auf ihre Fehleinschätzung. Der einzige Grund, warum sie überhaupt noch hier war, war, weil er zum einen nicht die Frau töten wollte, die ihm das Leben geschenkt hatte, und zum anderen, damit sie mitbekam, was mit Prinzessin Shireen geschehen würde.

    Selbige wurde auch gleich hereingeführt und warf sich gehorsam zu Boden, während die Wachen vor ihm in ihren Rüstungen knieten. Irgend etwas an dem Bild nagte leicht an Mithridates Bewusstsein, aber er schob es auf seine Wut. Er erhob sich von seinem Thron uns stieg langsam die Stufen hinunter. Ein Herrscher auf seinem Thron war eine ehrfurchtgebietende Erscheinung. Ein solcher Herrscher, der mit grimmigen Blick auf einen zuging, war noch viel angsteinflößender. Und ja, diese dumme Prinzessin sollte ihn fürchten. Sie sollte ihn bis zu ihrem Tod jeden einzelnen Augenblick fürchten.


    "Bist du das denn? Eine bescheidene Dienerin?" Seiner Stimme war der Groll anzuhören, als er außerhalb ihrer Reichweite stehen blieb, aber so, dass sie wohl seine goldverzierten Schuhe gerade so sehen konnte, sollte sie es wagen, den Blick auch nur einen Fingerbreit zu heben. "MEINE Dinerin?" grollte er weiter.

    "Ich nehme an, du hast erlebt, was mit jenen geschieht, die mir nicht gedient haben?" Die Frage war wohl eher rhetorischer Natur. Er hatte keinen Zweifel daran, dass die Frauen im Harem alle in steter Furcht lebten, als nächstes sein Missfallen zu erregen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie anfangen würden, sich gegenseitig zu verraten, um seine Gunst zu erlangen und so sich selbst in Sicherheit zu bringen. Manche Herrscher gaben sich der Illusion hin, von den Frauen aufrecht geliebt zu werden. Aber Mithridates war nicht dumm. Die Frauen waren nur Mittel zum Zweck, seine eigene Nachkommenschaft hervorzubringen. Sie mussten ihn nicht lieben. Es genügte, wenn sie ihn als Gott verehrten und ihn zu sehr fürchteten, um ihn je zu verraten. Und bereitwillig seinen Samen empfingen, um Söhne zu gebären, und ein paar Töchter, die man verheiraten konnte.

    "Also, sag mir, Shireen, bist du wirklich meine Dienerin? Oder eine Natter in meinem Garten, die nur einen Weg sucht, heraus zu gelangen?"

    Nachdem die parthische Streitmacht in Osrhoene gesiegt hatte, begann sie sich wieder nach Osten zurückzuziehen. Von Batnae aus marschierte sie erneut an Carrhae vorbei und weiter nach Raisena, ehe sie von da nach Nordosten abschwenkte und hinauf zur Handelsstraße von Antiochia Arabis zog. Dort ging es weiter nach Osten, wo Großkönig Mithridates V. die Grenze zu Adiabene überquerte und durch Marchata und Madin zog. Diese Kunde hatte sich im Nu im ganzen Königreich verbreitet und König Meharaspes hatte sich nicht schnell genug von Arbela aufmachen können, um seinem Lehnsherrn entgegenzueilen. In der Stadt Nisbis traf er schließlich dann auf den Großkönig und seine Armee, die auf dem Weg zur Grenze nach Hatra war, und beglückwünschte ihm überschwenglich zu seinen Erfolgen im Westen und versicherte mehrmals, dass Adiabene treu zum Throne Parthiens stehen würde, jetzt und zehn Unendlichkeiten lang!

    Auch im Königreich Hatra machte das riesige Heer des Mithridates großen Eindruck. Kurz vor der Hauptstadt Hatra, ritten Mithridates die arabischen Fürsten der Stadt in Bettlerstracht entgegen und warfen sich vor ihrem Herrn in den Staub und versicherten ihm abermals ihre Treue und rühmten seine harte Hand gegen Edessa. Zufrieden registrierte Mithridates, dass sein Gedanke Früchte trug. Er hatte auf seinem Rückweg nämlich absichtlich sein riesiges Heer direkt zu den größten Städten und Königreichen entlang der Route gelenkt, damit die lokale Bevölkerung es mit eigenen Augen sehen konnte und was ihnen blühte, sollten sie ebenfalls den Aufstand wagen. Diese Armeen vor Augen, verbunden mit den Neuigkeiten aus dem toten Osrhoene machten großen Eindruck und sollten jemals da und dort in finsteren Winkeln irgendwelche geheimen Umsturzpläne von zwilichtigen Gestalten gehegt worden sein, so waren sie von Sekunde an aufgegeben und vergessen.


    Mithridates' Ankunft in Ktesiphon war ein einziger großer Triumphzug. Fein herausgeputzt ritt er auf seinem prächtig geschmückten Schlachtross ein, gefolgt von den Soldaten seiner vierundzwanzig Leibgarden. Alle auf Hochglanz poliert, marschierten sie im Gleichschritt hinter ihrem Herrn und ließen ihn hochleben und sangen Loblieder auf seine Erfolge. Hinter ihnen erschollen Hörner und Trompeten, auf dass jeder Mann und jede Frau im Umkreis von dem Triumph des Großkönigs höre. Auf goldenen Wägen wurden die erlesendsten Stücke aus der osrhoenischen Schatzkammer dem Volke präsentiert, zusammen mit den mitgebrachten zehn Pfählen auf denen die Köpfe der osrhoenischen Königsfamilie steckte. Über jedem war ein großes Schild in Griechisch und Parthisch angebracht worden, die jeden davor warnte, dass ihm das gleiche Schicksal bevorstünde, sollte er sich gegen Mithridates erheben wollen.


    Mithridates inszenierte seinen Triumph ganz so, als hätte er einen ausländischen Feind niedergeworfen. Dass Osrhoene jedoch ein Teil des Reichs war (und das schon seit sehr langer Zeit), wurde völlig fallengelassen. Mithridates war ganz darauf erpicht sich als großen Sieger und starken Herrscher darzustellen, ja dafür ließ er sogar etwas besonderes inszenieren. Hoch über dem Volk saß er am oberen Ende der Großen Treppe zum Königspalast, wo an gleicher Stelle wieder sein Thron aufgestellt geworden war, ganz genauso wie das auch schon am Tage seiner Krönung der Fall gewesen war, damit das Volk ihn gut sehen konnte. Dort hob er seine Hand und Feuerpriester traten vor, die Ahura Mazda für diesen glorreichen Sieg gegen die Feinde Parthiens dankten und ihm ein Opfer darbrachten. Dann erschienen ein osrhoenisch und ein römisch gekleideter Mann (der Schauspieler, der den Römer darstellte, hatte die Senatorentoga des Gnaeus Helvidius Eburna um seinen Leib geschlungen, da dieser sie damals für seine Flucht abgestreift hatte), welche die Große Treppe emporstiegen, bis sie sich direkt vor dem Thron des Großkönigs befanden. Dort riefen sie im Chor: "Heil Großkönig Mithridates, Herr der Welt!" und warfen sich vor ihm flach zu Boden als symbolische Geste für das Volk, dass alle Feinde besiegt waren und nun ihrerseits Parthien huldigten. Denn das Resignieren Roms bei der Hilfe Osrhoenes, fasste die parthische Regierung als Schwäche des Imperiums auf und dass auch der Kaiser in Rom vor Mithridates V. zurückwich. So saß der Großkönig selbstzufrieden auf seinem Thron und ließ sich von seinem Volk als Sieger und Herrscher der Welt verehren, den nichts und niemand den Rang streitig machen konnte. Niemand. Rom und Osrhoene waren beide die Verlierer in diesem Spiel und er der Gewinner.

    Die vielen kleineren und größeren Geschäfte nach seiner Krönung hatten Mithridates Aufmerksamkeit gefordert und dafür gesorgt, dass er wenig Zeit hatte, sich um andere dinge zu kümmern. Sein Hofstaat musste personell neu aufgestellt werden, alle möglichen verbliebenen Sympathisanten seines verblichenen Bruders aufgespürt und ausgemerzt werden und die eigene Macht gesichert werden. Einen guten Teil davon hatte er schon im Vorfeld seiner Krönung erledigt, aber wie der Fall des dreisten Orodes gezeigt hatte: Seine Macht war noch nicht allumfassend. Es genügte ein übrig gebliebener Diener seines Bruders, verlockt durch die Versprechungen aus Edessa von Freiheit, Rache und einem besseren Leben, ein unaufmerksamer Vorkoster und ein wenig Missgunst, und er, Mithridates, wäre vergiftet und tot.

    Auch in seiner eigenen Familie musste er noch einige Entscheidungen treffen. Diejenigen seiner Halbbrüder, die alt genug waren, um als möglicher Gegenkönig eine Rolle spielen zu können, waren noch am Tag seiner Machtergreifung getötet worden, ebenso jeder männliche Säugling im Harem. Niemand sollte auch nur ein Gerücht streuen, ein anderer Anwärter auf den Thron würde leben. Mithridates würde es niemals erlauben, dass sich jemand hinter dem Banner eines Verwandten scharte, um ihn zu stürzen. Dafür hatte er zu viel riskiert, um nun an der Macht zu sein.


    Nun aber galt es, auch weiter auszusortieren, wer noch übrig war, ihm gefährlich zu werden. Auch in seinen Schwestern floss das Blut des letzten Schahanschas, und nicht alle waren gehorsam genug, um als Mittel zu seinem Machterhalt verheiratet zu werden oder ihm selbst als Frau oder Nebenfrau gefällig zu sein.

    Seine eigene Mutter hatte sich hier ja schon einmal geirrt, als sie ihm ein Mädchen vorschlagen wollte, welches sich als unliebsame Natter entpuppt hatte. Sie hatte seinen Sohn bekniet, ihr ihren Fehler nachzusehen und ihre Unschuld beteuert. Aber Mithridates Zorn war erwacht, und die Flucht des römischen Gesandten trug auch nicht zu seiner Laune bei. Die eigene Mutter zu töten scheute er sich dennoch. Aber so wusste er, wo er mit seinem Verhör im Harem beginnen sollte.


    Also erging eines Morgens von ihm der Befehl an die Wachen, sie mögen Prinzessin Shireen holen und vor ihn bringen. Er hätte sie auch einfach unauffällig erdrosseln lassen können, aber seine Laune verlangte eine persönlichere Vorgehensweise.

    Eine unerwartete, doch umso größere unversöhnliche Schande hatte sich während Mithridates' Krönungsfeier ereignet. Gerade im Augenblick seines größten Triumphs während der Krönung, da sich alle Welt (selbst Könige!) vor ihm, ihren neuen Großkönig niederwarfen, um so ihre Ergebenheit zu demonstrieren, verweigerte ihm einer der Vasallenkönige den Kniefall, ja mehr noch, er löste einen riesigen Skandal aus indem er gleich sein ganzes Königreich vom parthischen Thron lossagte! Und wäre diese Schande nicht schon groß genug, so gab es dann auch noch einmal zusätzlichen Tumult und noch mehr Schmach, als der römische Beobachter, dessen Verhaftung Mithridates befohlen hatte, das Pferd des Großkönigs allerhöchstselbst stahl und damit in den Königspalast(!) flüchtete. Spätestens jetzt war das Unglück für Mithridates perfekt. Eine derart missratene Krönung hatte es noch in der ganzen Geschichte Parthiens nicht gegeben. Sein herrschaftlicher Sonnenaufgang, ja sein Phönixaufstieg war damit rettungslos beschmutzt. Verlacht. Makelhaft.


    Ein abgefallener Tributstaat und ein Römer, der sein Pferd stahl und im Augenblick von einer Schar Soldaten durch den ganzen Palast gejagt wurde, auch angesichts dieses Chaos musste die Krönungszeremonie fortgeführt und abgeschlossen werden, auch wenn alle Anwesenden jetzt ganz andere Dinge im Kopf hatten. Ein Ordnungsruf von Seiten des Schahanschah brachte Arsames Surena und ein paar weitere arsakidische Familienmitglieder wieder zur Vernunft, gerade, als sie sich der Verfolgung des Römers anschließen hatten wollen. Sie kamen zurück. "Steht schon auf!", blaffte Mithridates jetzt noch einmal die übrigen Vasallenkönige dort auf der Großen Treppe an, da sie als einzige noch ganz am Boden lagen. Die Anwesenden oben am Pavillon, wie auch unten das Volk hatte sich da schon sehr viel gemischter verhalten gehabt. Einige waren noch platt am Boden gelegen, andere waren gekniet und hatten hoch zum Pavillon gesehen und einige ganz Mutige waren auch schon ohne Erlaubnis aufgestanden. Doch mit diesem Befehl nun hatten alle wieder die königliche Erlaubnis sich zu erheben.


    Nachdem also die Vereinigung der Kronen geschehen war, ging es daran, dass die Vasallenkönige noch einmal jeder einzeln dem parthischen Großkönig huldigte und ihm die Treue gelobte. Dazu kam jeder von ihnen dem Range nach einzeln vor den Thron und brachte Mithridates einen Palmwedel als symbolische Geste der Huldigung dar, ganz so wie die große Göttin Tyche es immer auf den parthischen Münzen tat. Dabei sprachen sie die Schwurformel, die ihre Königreiche eine weitere Regentschaft lang an den parthischen Thron fesselte. Nach der Huldigung formierten sich die Anwesenden des Pavillons zu einer Prozession und zogen zum großen Feuertempel Ktesiphons, wo der neue Schahanschah Ahura Mazda, dem Großen und Guten, ein Opfer darbringen musste. Damit war der offizielle Teil der Krönung vorüber und für gewöhnlich gab es jetzt für den parthischen Adel ein Festessen im Palast, während auch das Volk in den Gassen der Hauptstadt auf aufgestellten Tischen und Bänken ihren neuen Herrn feierte, doch was zumindest das königliche Bankett anging, so gab es dort deutliche Verzögerungen und Teilausfälle aus den bekannten Gründen, in denen wieder einmal ein Römer seine Finger im Spiel gehabt hatte.


    Der Rest der Zeremonie hatte nichts mehr von der Majestät und der Erhabenheit des ersten Teils gehabt. Viel zu sehr hatten die jüngsten Eskapaden all dem hier geschadet, hatten sie Mithridates' Ruhm geschadet und ihn in höchstem Maße schwach erscheinen lassen. Deshalb musste er mit doppelter Härte gegen den König von Edessa zurückschlagen. Die Großen des Reichs waren ja bereits in der Hauptstadt versammelt und hatten damit auch schon gehört, dass der Großkönig gedachte die furchterregende parthische Armee für eine Strafexpedition gegen Osrhoene (die aus den kombinierten Armeen aller zugehörigen Satrapien und Vasallenreiche bestand) zusammenzurufen. An König Abgar VIII. und Edessa sollte ein besonderes Exempel statuiert werden. Gleich morgen würde Mithridates V. Meldereiter in alle Winkel des Reichs ausschicken, damit spätestens in fünf Tagen auch die abgelegenste Provinz mit der Rekrutierung beginnen und wissen würde: Der Großkönig wollte Krieg.

    Der Oberste Magier reckte eine ganze Weile lang den Ring hoch in die Luft und beobachtete dabei die ganze Zeit den Himmel. Hoffentlich gab es von den Göttern ein positives Zeichen, denn was sollte er ansonsten machen? Sollte er verkünden, dass die Götter dieser Krönung nicht zustimmten, dann wäre sein Leben zweifellos verwirkt. Andererseits konnte er ja nicht einfach gegen ihren Willen Mithridates die Gunst der Unsterblichen aussprechen, denn bestimmt hätte auch das schlimme Folgen für das... plötzlich erschienen am Himmel Ktesiphons drei Adler, die zusammen über sie hinwegflogen und den Anführer der magoi so aus seiner persönlichen kleinen Zwickmühle befreiten. Oh ihr Götter, habt Dank!


    Nun konnte er sich guten Gewissens zu Mithridates umdrehen und noch einmal vor ihm den Ring mit den Worten "Die hehre Tyche überbringt dir hiermit im Namen der Götter das khvarrah, mein König! Mögest du sie stets ehren und als guter und gerechter Herrscher die dir anvertrauten Völker hüten," vorzeigen, ehe er ihn ihm an den Finger steckte und sich wieder auf seinen Platz neben dem Thron begab. Nun besaß Mithridates also sowohl seine weltliche Macht, als auch den göttlichen Segen, fehlte nur noch die Zusammenführung dieser beiden Pole zur Würde des parthischen Großkönigs. Dies erfolgte -wiederum den ägyptischen Pharaonen nicht unähnlich- durch das Aufsetzen der nomadischen Tiara auf das griechische Diadem, womit die parthische Krone vollständig wäre. Denn nur der Großkönig durfte in Parthien eine Tiara auf seinem weißen Diadem tragen als Zeichen seiner Stellung und seiner Macht und erst in Kombination der beiden Herrschersymbole offenbarte sich diese gegenüber Außenstehenden. Die kombinierte Krone wurde so auch oft auf den sich im Umlauf befindlichen Münzen dargestellt, jedoch gab es auch die Praxis den Großkönig auf Münzen, die im Westen des Reichs geprägt worden waren, für gewöhnlich nur mit einem Diadem darzustellen, während er auf Münzen, die im Osten Parthiens geprägt worden waren, die Tiara alleine trug. Dies war eine kluge Strategie zur Befriedigung aller nötigen Machtansprüche gegenüber dem Volk. Die im parthischen Westen geprägten Drachmen kamen immerhin für gewöhnlich in den Wirtschaftskreislauf mit Griechen und Römern, wo das Diadem als vorrangige Königswürde zählte, während die im Osten geprägten Silberdrachmen eher nur von der lokalen Bevölkerung mit nomadischem Einschlag verwendet wurden und daher die Abbildung der Tiara als Herrschaftssymbol wichtiger war.


    So also hatte die Tiara nach ihrer ersten Krönungsverwendung zum Hēnzāvar jetzt noch einmal eine große Funktion. Arsames Surena nahm sie mit beiden Händen und schritt dann hinter dem thronenden Mithridates. Er hob die Tiara über sein Haupt und rief mit erhobener Stimme: "Du bist Arsakes, Siebenunddreißigster deines Namens; Euergetes; Dikaios; Epiphanes; Philhellenos; Theopatoros! Mithridates, Fünfter deines Namens; Hüter der Flamme Ahura Mazdas; Herr der Parni; Bezwinger des Siegreichen; KÖNIG DER KÖNIGE!"

    Dann setzte Arsames Surena die Tiara auf Mithridates' Diadem und es war geschehen. Die Sonne der Herrschaft war wieder aufgestiegen, der Phönix wiedergeboren, die beiden Kronen vereint. Mithridates war neuer Großkönig von Parthien. Alle Männer und Frauen zu Füßen der Großen Treppe, egal ob frei oder unfrei, Bettler oder Edelmann, fielen ausnahmslos auf die Knie und den Bauch und pressten ihre Stirn und die Lippen gegen den Boden. Auch die Mitglieder des Ehrenspaliers auf der Treppe und oben auf dem Pavillon die arsakidischen Familienmitglieder, Arsames Surena, die Magier, die Soldaten und die Diener warfen sich alle nieder... bis auf zwei.


    Der eine war ein Gesandter aus Rom namens Gnaeus Helvidius Eburna und der andere ein ungefähr 25-jähriger Mann auf der Großen Treppe in den Reihen der Vasallenkönige.


    Sim-Off:

    In der Krönungsformel finden sich die üblichen Prestige- bzw. Beinamen, die sich über die Großkönige für gewöhnlich auf parthischen Münzen finden lassen: Euergetes = Der Wohltäter, Dikaios = Der Gerechte, Epiphanes = Der Glorreiche, Philhellenos = Der Griechenfreund, Theopatoros = Der göttlich Gezeugte


    Sim-Off:

    "Theopatoros" meint hier so etwas wie im Sinne "dessen Vater ein Gott ist" und wird seit Artabanos I. (127-124 v. Chr.) durchgehend von allen parthischen Großkönigen auf ihren Münzen verwendet. Mit diesem Beinamen wollten die parthischen Könige ausdrücken, dass sie ihre Stellung durch ihre Nähe zu den Göttern erhalten und ein Gott ihre Wahl zum König bestätigt hatte, auf Münzen meist in Form der Göttin Tyche dargestellt, die dem König einen Palmwedel, ein Diadem oder einen Ring überreicht. Sich selbst bezeichneten die Großkönige jedoch nicht als Götter.

    Während Mithridates zum Basileios gekrönt worden und danach wieder der Chlamys entledigt worden war (das Diadem behielt er auf seinem Haupte), war auch im Volke Bewegung aufgekommen. Denn jetzt für den letzten und wichtigsten Akt der eigentlichen Krönungszeremonie war es bald schon nötig, dass die versammelten Parther mit ihren eigenen Füßen auf dem Boden standen, um sich zu gegebener Zeit nach alter persischer Sitte vor ihrem neuen Großkönig niederwerfen zu können. Als stolze Parther auf dem Rücken ihrer Pferde hatten sie Mithridates ja bereits ihren Respekt gezollt, als er zum Hēnzāvar ausgerufen worden war, nun würde die persische Krönungsweise folgen. Deshalb stiegen sie alle jetzt von ihren Pferden und ein bereitstehender Sklave ergriff den Gaul ihres Herrn am Zügel, um ihn nachhause in den Stall zu führen. Dies dauerte einige Zeit und hier und dort gab es ein wenig Gedrängel, jedoch nutzte diese die versammelte Schar oben am Pavillon für ihre eigenen Vorbereitungen. Die Diener, die in ihren Händen Chlamys, Wickeljacke, Baschlik und Halsreif hielten, wurden nicht mehr benötigt und entfernten sich, um die Kleidungsstücke zurück in den Palast zu bringen. Dafür erschienen fünf andere Diener mit Kissen in ihren Händen, die jeweils einen anderen Gegenstand, bzw. ein bestimmtes Kleidungsstück trugen, die Insignien eines Großkönigs.

    Auch bei Mithridates musste kurz etwas umgekleidet werden. Sein Gürtel mitsamt des Krummschwerts war ja noch unterhalb des Chitons, was jetzt geändert werden musste. Nach der Entfernung der Chlamys griff Mithridates unter den Chiton und zog sein Krummschwert, damit ein Diener unter das Kleidungsstück greifen und den Gürtel lösen konnte (das Schwert selbst gab Mithridates nicht aus der Hand, wie dies kein ehrenhafter Parther je tun würde). Nachdem der Gürtel ab war, wurde der Chiton wieder gerichtet und glatt gestrichen und anschließend der Gürtel über diesem erneut angelegt, damit er später direkt unter der nächsten Kleidungsschicht saß, die da gleich kommen mochte. Mithridates steckte seine Waffe wieder zurück in den Gürtel. Nun trug er seine Schuhe und seine seidenen Reiterhosen, darüber den Chiton mit dem Gürtel und dem Krummschwert und auf seinem Haupte immer noch das Diadem.


    Das Spalier auf der Treppe indes hatte neben den absitzenden Parthern und dem Umkleiden Mithridates' auch eine Kleinigkeit zu tun gehabt. Die Vasallenkönige, Satrapen, Adeligen, Kleinadeligen und die Volksrepräsentanten waren jeweils zu ihrem gegenüberstehenden Spalierpartner in die Mitte der Großen Treppe getreten und hatten sich dort dann nebeneinanderstehend mit ihrer Blickrichtung nach vorne, zu Mithridates gewandt, sodass jetzt wirklich alle Anwesenden auf den König ausgerichtet waren.


    Nachdem wieder allgemeine Ruhe eingekehrt und alles bereit war, kam der nächste Teil an die Reihe. Arsames Surena gab ein Zeichen, woraufhin drei der vorhin neu erschienen Diener mit ihren Kissen vortraten. Auf dem ersten lagen goldene Ohrringe (schon seit den Achmäniden ein königliches Attribut), auf dem zweiten ein prunkvoller Halsreif voller Edelsteine und auf dem dritten Kissen zusammengefaltet ein purpurnes Kandys als großkönigliches Throngewand. Der Kandys war ein langes wallendes Gewand nach der Mode der Meder, der einen V-förmigen Ausschnitt besaß und mit goldenen Broschen zusammengehalten wurde. Er wurde mehr wie ein Mantel, denn eine Tunika über den Schultern getragen und seine sehr eng genähten Ärmel blieben für gewöhnlich leer. Die Sklaven legten Mithridates die Ohrringe und den edelsteinbesetzten Halsreif an, das Kandys jedoch nahm Arsames Surena selbst in die Hand. Dann stellte er sich damit vor den König mit dem Rücken zum Volk und hielt vor ihm mit beiden Händen das Kleidungsstück hoch und sprach einige pathosreiche Worte, die jedoch schon ab der Mitte der Großen Treppe niemand mehr verstehen konnte, da der Surenier in normaler Lautstärke einzig zu Mithridates sprach. Dann legte er ihm den Kandys an und Mithridates setzte sich erstmals seit Beginn der Zeremonie auf dem goldenen Thron nieder. Die Trompeten erschollen zu einer kurzen Fanfare und das Volk jubelte, doch mit der Inthronisation war es noch nicht ganz getan. Denn als nächstes nahm Arsames Surena vom vierten der fünf Kissen ein langes stabähnliches Zepter, ganz aus Gold, auf und hielt auch dieses vor Osroes' Sohn hoch und sprach einige salbungsvollen Worte. Dann überreichte er es Mithridates. Das Zepter war ein weiteres altpersisches Zeichen königlicher Gewalt. Jetzt fehlte nur noch das letzte der fünf Kissen, auf diesem lag ein goldener Ring.


    Der Anführer der magoi trat vor und rief neben Mithridates' Thron stehend den Segen Ahura Mazdas und der übrigen Götter herbei. Dann nahm er den Ring und hielt ihn mit einer erneuten Anrufung der Götter für einen Moment in die Höhe, auch damit alle Anwesenden ihn selbst sehen konnten. Denn dieser Ring nahm eine äußerst wichtige Stelle während der Krönungszeremonie ein. Mit dem Umwinden des Diadems und der Thronsetzung auf dem herrschaftlichen Gestühl war Mithridates bereits seine weltliche Macht verliehen worden, fehlte also nur noch der Segen der Götter, welcher durch den vom Obersten Magier der magoi verliehenen Ring symbolisiert wurde. Der Ring stellte eine göttliche Bestätigung und ein Sinnbild für den Vertrag zwischen den Göttern und dem legitimen Herrscher dar, der niemals gebrochen werden durfte. Die zoroastrische Gottheit Mithra wachte über die Einhaltung dieses heiligen Bunds. Mit ihm erfolgte quasi die Übergabe der "göttlichen Herrlichkeit" und des "königlichen Glücks" von den Göttern an den legitimen Herrscher Parthiens. In der Vorstellung der Parther übergab auch nicht der Oberste Magier den Ring an den König, sondern die Göttin Tyche, die in ihrer parthischen Erscheinung die Göttin des Schicksals und des Wohlergehens und eine der höchsten und wichtigsten Gottheiten Parthiens war. So also reckte der Oberste Magier den Ring empor und rief die Götter um ihre Gunst an.

    Mithridates erschien am selben Ausgangspunkt wie zuvor die Prozession. Er ritt einen makellosen Schimmel und war in eine nomadische Tracht gekleidet. So trug er weite Reiterhosen, einen mehrfach gewundenen Halsreif mit Tierkopfenden und eine verzierte Wickeljacke, die vorne übereinandergeschlagen und mit einem Gürtel zusammengehalten wurde. Im Gürtel steckte auf der linken Seite Mithridates' Krummschwert, ein obligatorisches Attribut für einen jeden freien Parther. Auf dem Kopf trug er einen Baschlik, einen weichen Lederhut bzw. eine kapuzenartige Ledermütze mit zwei langen Zipfeln links und rechts des Hauptes, die wahlweise auch um den Hals geschlungen werden konnten, eine typische Kopfbedeckung der nomadischen Reitervölker Asiens. Mithridates wirkte in seiner ganzen Aufmachung genau so, als hätte er gerade erst einen Nomadenstamm aus dem Osten hierher geführt. Dies war Absicht, um jedem zu zeigen, dass sich die Parther ihrer Wurzeln bewusst und stolz auf sie waren. So ritt Mithridates die Hauptstraße entlang, vorbei an all den versammelten Sklaven und den Frauen und hinter ihnen die freien parthischen Männer auf ihren Pferden. Jeder blickte Mithridates an, doch niemand verbeugte sich vor ihm, denn noch war er ja nicht gekrönt. Begleitet wurde Mithridates' Zug durch Ktesiphon wieder durch einen Trommelrythmus, doch war er jetzt ebenfalls schneller und kräftiger, als zuvor bei der Prozession. Alles während der Krönungszeremonie hatte irgendeine symbolische Bedeutung, so auch der nächste Akt, als Mithridates das Ehrenspalier der Großen des Reichs erreichte und nicht vor der Großen Treppe von seinem Hengst abstieg, sondern zwischen den Adeligen, Satrapen und Vasallenkönigen vorbei einfach die Stufen zum Palast hinaufritt. Er war der große Mann, der sich mit dem Treppenaufstieg über alle anderen erhob, selbst über Könige und der dort ritt, wo andere zu Fuß gehen mussten.

    Oben angekommen steuerte Mithridates seinen Schimmel an Arsames Surena vorbei in eine Lücke zwischen dem Thron und den versammelten magoi. Hinter dem Thron hielt er an und stieg ab. Dort war er dem Blickfeld der Menge entzogen, hier sollte sein treues Ross auf ihn warten, bis er es wieder benötigte.

    Zu Fuß trat Mithridates wieder vor den Thron und stellte sich an jenen zentralen Standort vor dem Thron, direkt an der Treppe, an dem gerade zuvor noch Arsames Surena gestanden hatte.


    Das parthische Königtum war eine Kombination verschiedener separater Herrscherwürden, ähnlich wie einst bei den Pharaonen Ägyptens mit ihrer Herrschaft über sowohl Unterägypten, als auch Oberägypten, visualisiert durch die rot-weiße Doppelkrone. Im Falle der Parther war dies die Herrschaft als Stammesführer über alle nomadischen Reitervölker des Reichs (wie die Parther ja selbst ein solches waren), die vor allem in den östlichen Satrapien lebten, der Anspruch auf die Nachfolge Alexanders des Großen über alle Griechen und Makedonen in Mesopotamien und das persische Großkönigtum der alten Achmäniden als Herrschaftszeichen über alle unterworfenen Könige und deren Völker. Jedes dieser Elemente sollte nun zum tragen kommen. Zuerst wurde Mithridates sein Baschlik von einem Diener hinter ihm abgenommen, während Arsames Surena von einem anderen Unfreien, der ein Kissen hielt, die darauf ruhende Tiara entgegennahm. Die Tiara war mit Perlen, Gemmen, Smaragden und Hyazinthen verziert und war ein typisch nomadisches Symbol eines Herrschers aus eigener Macht. Arsames Surena trat zur rechten Mithridates und präsentierte dem versammelten Volk mit erhobenen Armen die Tiara. "Mithradata, Hēnzāvar!* Herr der Parni!"

    Dann setzte er sie Mithridates auf. Die parthischen Männer im Volk zogen auf dem Rücken ihrer Pferde ihre Krummsäbel und reckten sie in die Höhe, während sie wilde Jubelrufe ausstießen. Die Frauen, die nichtparthischen Zuseher, wie auch die Mitglieder des Spaliers blieben jedoch stumm und regungslos.


    Danach nahm Arsames Surena die Tiara wieder von Mithridates' Haupt und legte sie zurück auf ihr Kissen. Als nächstes nahm er Mithridates seinen Halsreif ab und zog ihm die Jacke aus, sodass der König nur noch seine Hose und seinen Gürtel trug. Ein weißer Chiton wurde Arsames Surena gereicht, der diesen Mithridates anlegte, während aus den Reihen der Satrapenkönige Theonesios IV., König der Charakene, hervortrat und die restlichen Stufen zum Pavillon emporstieg. Dort stellte er sich neben Arsames Surena und nahm von einem Diener eine purpurne Chlamys entgegen. Der Grieche hielt den Mantel für einen Moment vor dem Volk in die Höhe, dann legte er ihn demonstrativ Mithridates um und zog sich danach auf seinen Platz im Spalier auf der Treppe zurück. Arsames Surena nahm von einem anderen, von einem Diener gehaltenen, Kissen eine sehr lange weiße Stirnbinde und band sie Mithridates um den Kopf, sodass die überhängenden Enden über seinen Rücken fielen. Dies war ein Diadem, ein griechisch-makedonisches Zeichen königlicher Würde. Nur die parthischen Großkönige durften ein weißes Diadem als Zeichen ihrer Macht tragen, alle übrigen Vasallenkönige mussten sich mit andersfarbigen Diademen begnügen. Nachdem Arsames Surena Mithridates das Diadem umwunden hatte, rief er dem Volk zu: "Mithradates, Basileios! Bezwinger des Siegreichen!**"

    Dieses Mal teilten alle im Volk ihre Zustimmung durch laute Rufe mit, auch der Großteil des Spaliers. Die einzige Ausnahme bildeten die regungslos bleibenden Vasallenkönige, da sie einem Ranggleichen nicht zuzujubeln brauchten.


    Jetzt fehlte nur noch die letzte und eigentliche Krönung; die zum Großkönig Parthiens.


    Sim-Off:

    * = Der Name "Mithridates" wird hier in seiner ursprünglichen persischen Form dargestellt. "Hēnzāvar" ist ein parthischer Titel und soll hier stellvertretend für die Herrschaft als nomadischer Stammesführer stehen.


    Sim-Off:

    ** = Der Name "Mithridates" wird hier so geschrieben, wie er für gewöhnlich in griechischen Quellen auftaucht und mit "Basileios", also "König" betitelt. Der Zusatz "Bezwinger des Siegreichen" fungiert als Prestigetitel zu Ehren der parthischen Großkönige und zur ewigen Schande der untergegangenen Seleukiden und soll darauf anspielen, dass einst der erste parthische König, Arsakes I., alle Versuche des Seleukidenherrschers Seleukos II. (dessen Beiname "der Siegreiche" gewesen war) zunichte gemacht hatte, die durch die Parther eroberten Gebiete wieder zurückzugewinnen und ihre erklärte Unabhängigkeit vom seleukidischen Thron rückgängig zu machen.

    Die Große Treppe des Königspalasts bildete den Endpunkt der zentralen Hauptstraße Ktesiphons und erhob sich mittels 243 Stufen gut 31 Arsani* in die Höhe, da der eigentliche Palastkomplex auf einem kleinen Felsplateau errichtet worden war, um ihn noch größer und ehrfurchtgebietender erscheinen zu lassen und jedem Sterblichen zu beweisen, dass hier das Herz der Welt schlug. Die Treppe mündete unmittelbar in einer Plattform mit einem steinernen Pavillon, bestehend aus vier kräftigen Säulen und einer Überdachung persischen Stils, der dem Torhaus zum eigentlichen Palast vorgelagert, aber baulich von diesem immer noch abgetrennt war. Das obere Ende der Großen Treppe flankierte zudem zu beiden Seiten je eine große Statue eines Lamassu, eines alten mesopotamischen Schutzdämons mit dem Körper eines Stiers, den Schwingen eines Adlers und dem bärtigen Gesicht eines Menschen.


    Im vorderen Teil des Pavillons, nahe der Treppe, war der goldene Königsthron aufgestellt worden, rund um ihn herum hatten sich auch schon die Mitglieder des Großen Rats versammelt, bestehend aus den arsakidischen Familienmitgliedern und den magoi, dem Orden der Weisen und der Magier. Die königlichen Familienmitglieder bildeten einen von zwei königlichen Räten, die Magier den anderen Rat. Die beiden Räte zusammen bildeten den Großen Rat des parthischen Großkönigs. Die Familienmitglieder hatten sich links des Throns versammelt, die Magier rechts von ihm. In der Mitte dieser Szenerie, genau vor dem Thron, stand Arsames Surena, das Oberhaupt der Surena, einer Nebenlinie der arsakidischen Dynastie, am Rande der Treppe und blickte hinab auf das Volk. Es war Sitte, dass das Familienoberhaupt von Haus Surena den parthischen Großkönig krönte, so hatte Arsames Surena auch heute die Ehre Mithridates zu krönen. Als alles bereit war hob er einen Arm als Initialzeichen und das Spektakel begann. Trompeten erklangen und und ein langsamer Trommelrythmus setzte ein, während das versammelte Volk die Köpfe wendete, weg vom Palast und die Hauptstraße entlang zum Stadttor Ktesiphons in der entgegengesetzten Richtung. Dort war auf den ersten Trompetenschall hin eine Prozession erschienen, die langsam in Richtung des Palastes zog. Es waren die Großen des Reichs, angeführt zuvorderst von den Satrapenkönigen der tributpflichtigen parthischen Teilreiche, entsprechend ihres Rangs angeordnet. Ganz vorne ritten jene Satrapenkönige, die direkte Familienmitglieder der arsakidischen Dynastie waren, so als erster der König von Armenien, Vologases II.** auf einem prächtigen Apfelschimmel, dicht gefolgt vom König von Media Atropatene. König Ma'nu von Hatra, auf einem pechschwarzen Araber, führte die mit dem parthischen Herrscherhaus nicht verwandten Vasallenherrscher an, gefolgt von König Darayan von Persis. Und so zogen dem Range nach alle übrigen Satrapenkönige und nach ihnen die einfachen Satrapen hoch zu Ross über die Hauptstraße. Hinter den Satrapen ritten dann die Oberhäupter der sieben großen Adelsfamilien Parthiens, von Haus Kāren, von Spandiyadh, von Mihrān, von Varaz, von Aspahbadh und von Zikan. Nur das Oberhaupt von Haus Surena fehlte bei diesem Zug, weil Arsames Surena ja bereits vor dem Throne stand. Hinter den Familienoberhäuptern der sieben großen Familien folgten die Kleinadeligen Ktesiphons. Nach ihnen dann jeweils zu Fuß zwei Männer nebeneinander aus allen unterworfenen Völkern aus jedem Winkel Parthiens mit landestypischen Geschenken in ihren Händen und gekleidet in ihrer jeweiligen lokalen Volkstracht.


    Als die Prozession die Große Treppe erreichte, stiegen die Vordersten von ihren Pferden ab und erklommen zu Fuß die Stufen hoch zum Palast. Dabei teilten sie sich in eine linke Reihe und eine rechte Reihe zu beiden Seiten der insgesamt 48 Arsani*** breiten Treppe auf. König Vologases II. von Armenien führte die Reihe zur linken an, Artavasdes III. von Media Atropatene die rechte. Einige Stufen unterhalb des obersten Treppenabsatzes blieben beide stehen und drehten sich einander zu, was auch die, ihnen nachfolgenden Treppenpaare so handhabten, damit am Ende beide Reihen eine Art Spalier die Treppe hinauf bildeten, deren Abschluss der wartende Arsames Surena ganz oben war. Die Paare der unterworfenen Völker passten nicht mehr auf die Treppe und setzten stattdessen das Spalier zu ebener Erde auf der Hauptstraße bis zum letzten Prozessionsmitglied fort. Dann waren alle Akteure in Stellung gebracht. Die Trommler schlugen ihre letzten Takte, dann verstummten sie.

    Eine Weile blieb es still, bis die Trompeten erneut erklangen, dieses Mal jedoch pompöser und kraftvoller als Ankündigung des Erscheinens der Hauptperson; Mithridates der Arsakide, Sohn des Osroes.


    Sim-Off:

    * = altes persisches Längenmaß, 1 Arsani (Elle) = 64 cm -> 31 Arsani = 20 Meter
    ** = Die parthischen Satrapenkönige sind hier noch einmal in einer Übersicht dargestellt.
    *** = 48 Arsani = 30 Meter, rein von der Höhe und der Breite kann man die Große Treppe des Königspalasts von den Dimensionen her mit der Spanischen Treppe in Rom vergleichen, natürlich ohne die Zwischplattform und die verbreiterten Teilstufen weiter oben.

    Am Tage der Krönung war alles perfekt arrangiert. Sogar die Götter hatten Mithridates ihren Segen erteilt, indem sie das beste nur denkbare Wetter beisteuerten, das man sich für eine solche Zeremonie nur denken konnte. Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel herab und durch eine sanfte Brise war es nicht zu heiß, sondern genau richtig. Die Einwohner der Hauptstadt hatten schon Wochen vor dem großen Tag damit begonnen ihre Häuser auf Vordermann zu bringen. Da waren Fassaden geschrubbt und Blumengirlanden geflochten worden, damit alles für heute prächtig herausgeputzt schien. Die Trauerzeit um König Osroes war mit seinem Begräbnis zu Ende gegangen und heute sollte es ein Tag der Freude werden Alle Frauen und Männer trugen ihre besten Sachen und die freien parthischen Männer wiesen ihre Sklaven an auch ihre Rösser zu striegeln und mit dem besten im Haus weilenden Sattel und Zaumzeug zu versehen, damit sie ihrem neuen König beritten die Ehre erweisen konnten, genau wie echte Parther. Selbiges Spiel setzte sich auch im Großen Königspalast fort, doch dort natürlich in viel größerem Maßstab. Viel Volk von außerhalb strömte auch schon seit Tagen nach Ktesiphon, um an der Krönungszeremonie teilzunehmen, doch ein guter Teil der freien Zimmer der Stadt war ohnehin schon belegt von, anlässlich von König Osroes Begräbnis angereisten Menschen und Edelleuten, die danach gleich in der Hauptstadt verblieben war. Alle Zweige der Königsfamilie kam ebenfalls zu Mithridates' großem Tag und nur einige wenige blieben mit der Entschuldigung fern, dass ihre königlichen Pflichten sie momentan nicht fort ließen.


    Der Schauplatz des ersten Aktes des kommenden Schauspiels war die Große Treppe des Palastes, die ihn mit dem Rest der Stadt verband. Vor ihr hatte sich das gemeine Volk entlang zu beiden Seiten der Hauptstraße versammelt, jeder darin bestrebt einen möglichst gute Sicht auf den oberen Treppenabsatz zu haben, bei dem Mithridates schon bald erscheinen sollte.

    Bei den Griechen hatte es einst einen Mann gegeben, dessen Name Herodot gewesen war. Dieser hatte im zweiten Buch seiner "Historíai" von einem sonderbaren heiligen Vogel berichtet. Größe und Gestalt waren die eines Adlers mit rotem und goldenen Gefieder. Die Benennung dieses Vogels war "Phoínix". Phönix konnte viele hundert Jahre alt werden, doch wann immer seine Zeit zu sterben gekommen war, ereignete sich etwas wundervolles. Phönix baute sich ein Nest und ging in Flammen auf, zurück blieb nur ein Häufchen Asche und.. ein Ei. Daraus schlüpfte er dann als wiedererstandener junger Vogel. So folgte der Zyklus des Phönix einem ewigen Ablauf von Geburt und Tod, ähnlich dem Aufstieg und dem Untergang der Sonne, weshalb es geradezu prädestiniert schien den Phönix als Vergleich für die Königsherrschaft der parthischen Regenten herzunehmen, wie sich Mithridates am Tage seiner Krönung dachte, denn genauso wie die parthische Sonne mit jedem gestorbenen Großkönig unterging, so stieg sie mit seinem Sohn als neuen Regenten und neuen Phönix wieder auf, um den ewigen Kreis der Herrschaft fortzusetzen.


    Nach dem Tode von Großkönig Osroes war die bildhafte parthische Sonne vierzig Tage verschwunden geblieben, denn so lange hatte die Trauerzeit angedauert. Während dieser Phase gab es keine Jagden und keine Festgelage im Großen Königspalast. Alle Völker des Reiches hatten Söhne und hochrangige Dienstherren zur Bestattung von Osroes entsandt zur Erweisung der letzten Ehre. Während der Trauerzeit hatten in allen Königsstädten und Satrapensitzen tausende von Sklaven zu jeder vollen Stunde Gebete an Ahura Mazda skandiert, damit der Aufstieg der Seele des Verblichenen beschleunigt werden mochte. In einem riesigen Zug hatte sich der königliche Hof mitsamt all seiner Vasallen von Ktesiphon aus in die ungefähr 64 Parasang* entfernte Königsstadt Ekbatana begeben, der traditionellen Grablege, sowohl der alten persischen Achmänidenkönige, als auch der heutigen parthischen Arsakiden. Das Grabmal des Osroes war innen vollständig mit Gold ausgekleidet, das sich nicht zersetzen würde und auch die Grabwächter hatte man nur unter den Besten ausgesucht nach Schönheit und kriegerischer Qualität. Jeder von ihnen hatte willig den tödlichen Hieb in die Brust empfangen, auf dass sie auf ewig ihren König beschützen konnten im Totenreich. Die Leichen wurden in einer strengen Anordnung, mit Ausrichtung zum Grabeingang um den goldenen Thron herum verteilt, auf dem Osroes für immer ruhen sollte. Eine große Ehre für eine jede Familie eine Wache für das Grab stellen zu dürfen, an ihre Namen würde man sich zusammen mit dem des Königs für immer erinnern und ihre Familien stiegen eine Stufe nach oben in der gesellschaftlichen Ehrenleiter. Am letzten Tag in der Gruft war Mithridates noch lange Zeit alleine bei seinem toten Vater gewesen, um sich mit ihm zu beratschlagen und ihm die letzte Ehre zu erweisen. Klagendes Weinen und geraunte Geheimnisse drangen an das taube Ohr des Osroes. Danach war es getan und alle verließen das Grabmal. Während des Baus hatten die Steinmetze und Arbeiter eine hölzerne Treppe benutzt, um hoch zum Grabeingang zu gelangen. Diese wurde jetzt niedergerissen, woraufhin die Pforte der letzten Ruhestätte unerreichbar hoch in der Klippe lag, in die das Grab geschlagen worden war, ähnlich einem in Stein gehauenen Fenster.


    Vierzig Tage lang war die bildhafte parthische Sonne verschwunden, war der Phönix in seinem Ei geblieben, doch heute mit der Krönung Mithridates' in Ktesiphon würde sich dies ändern und der ewige Kreis der Herrschaft von neuem beginnen. Mit ihm als neuer König würde sie wieder über den Horizont steigen und heller und strahlender scheinen als nie zuvor, der imaginierte Phönix würde in einer gewaltigen Flammenzunge wiedergeboren neu zum Himmel emporsteigen und dabei ein Lied singen, das alle Untertanen mit Ehrfurcht und alle Feinde mit Panik erfüllen würde mit der immergleichen Botschaft; es gab einen neuen König, die Macht Parthiens war zurückgekehrt.


    Sim-Off:

    * = ca. 409 km
    Parasang = altes persisches Längenmaß von ca. einer Reitstunde = 6,4 km

    Die Welt funktionierte nach festgelegten Regeln. Sie garantierten den Fortbestand der Dinge und wies jedem Ding im Erdkreis seinen Platz zu. Selbst die Götter waren den Diktaten des Schicksals unterworfen und nur sie garantierten für Frieden und Ordnung. Die universellen Regeln zu missachten hieß Chaos in der Harmonie zu stiften. Mochte der erste Schritt zum Verderben auch nur klein und unscheinbar sein, was wenn ein zweiter genauso kleiner Schritt in Richtung Unordnung folgen würde? Und danach wieder? Und wieder? Und nochmal und immer so weiter? Könige würden ihre Kronen verlieren, Pest und Hungersnöte das Volk schlagen und ganze Kulturen in sich einstürzen!


    König Mithridates stand nun in diesem Moment im Harem vor einer vor ihm liegenden Frau und Verwandten, die ihn um genau so einen unscheinbaren ersten Schritt in Richtung Chaos bat. Sie wollte aus dem Harem hinaus! Sie, eine parthische Prinzessin aus königlichem Geblüt! Mithridates' Bart zuckte vor Zorn, als der Großkönig mit der Hand ausholte und Prinzessin Shireen eine Ohrfeige genau auf die Wange verpasste. "Nein, Weib! Was erdreistest du dich für einen Frevel zu verlangen! Du bist eine Prinzessin! Die Außenwelt ist dir zum eigenen Schutz verboten! Scher dich zurück in dein Bett und komm daraus erst wieder hervor, wenn du die Ungeheuerlichkeit deiner Bitte begriffen hast! Verschwinde! Weg aus meinen Augen!" Der erzürnte Blick des Arsakiden traf die Königinmutter. Einen Moment war er versucht auch sie zu schlagen, doch unterließ er es doch nochmal. "Wusstest du von diesem schändlichen Vorhaben? Sprich offen zu deinem Gebieter! War das der einzige Grund für ihr Erscheinen vor mir?" spie er die Frage aus. Die wallende Glut seines Zorns war fast mit Händen greifbar. Hoffentlich hatte die Königinmutter eine passable Antwort parat, wollte sie dieser entgehen. Dass Mithridates von Natur aus zu einem sehr cholerischen und aufbrausenden Charackter neigte, war ihr auch nicht gerade zuträglich.


    Mithridates' Reaktion mochte vielleicht für den einen oder anderen Außenstehenden zu hart erscheinen, doch musste man dabei bedenken, dass er unabdingbar an die Gesetze und die Harmonie des Kosmos glaubte. Nichts und niemand war dazu berechtigt sie zu brechen und selbst als Mithridates seinerseits das Herrscherrecht seines Bruders herausgefordert hatte, hatte er seines Ermessens nach bloß im Einklang mit diesen großen Gesetzen gehandelt, welche nach seinem Verständnis aussagten, dass nur die Starken das Recht zu herrschen besäßen.

    Ein weiteres solches Gesetz war nunmal auch, dass Prinzessinnen außerhalb des Harems nichts zu suchen hätten, um sicher vor schmutzigen gewöhnlichen Männern und ihrer lüsternen Blicke zu sein. Dies galt unumstößlich und gerade jetzt als neuer Großkönig musste Mithridates besondere Strenge und Härte demonstrieren, damit die Welt sah, dass er stark war. Stark und mächtig und niemand es wagen sollte ihn herauszufordern, es sei denn er wollte von ihm zermalmt werden!

    Der Harem war genauso wie der übrige Königspalast ziehmlich groß, weshalb es einige Zeit dauerte, bis die Soldaten jeden Winkel nach eventuell noch übersehenen Konkubinen des Bruders fertig durchsucht hätten, weshalb Mithridates also etwas Zeit übrig hatte. Während einige zusammengetriebene Frauen an ihm vorbeigeführt wurden, richtete er seinen Blick auf die vor ihm kniende und sprach sie an: "Du darfst sprechen, du gehörst immerhin zur königlichen Familie."


    Mal sehen was sie ihm zu sagen hätte. Vermutlich wollte sie ihren Status durch eine Heirat mit ihm verbessern, was auch die Worte der Königinmutter implizierten, doch die ignorierte er einstweilen.

    Nachdem Kronprinz Phraates in die Kerker geworfen und Boten in alle Himmelsrichtungen ausgeschickt worden waren, um die Großen des Reichs zusammenzurufen, wurde auch gleich daran gegangen in einem der Höfe ein Blutgerüst für Mithridates' großen Bruder zu errichten. Denm ganzen Nachmittag und die ganze Nacht arbeiteten die Männer daran, damit der kommende Vormittag endlich das erwünschte Ergebnis bringen mochte. Als die Sonne dann erneut über den Horizont stieg saß Mithridates auf einem Balkon, umringt von einer Schar Getreuer und seinem frischgebackenen Hazarbed Hydarnes von Mihrān und verfolgte das Ende von Phraates von Parthien. Als es endlich erledigt war, war seine Thronfolge endlich vollkommen gesichert. Mithridates war neuer Großkönig und nach dem Tod seines Bruders gab es niemanden mehr, der ihm diesen Anspruch streitig machen konnte. Dies wäre ein Anlass zum Feiern gewesen, doch ging dies nicht, weil durch den Tod Großkönigs Osroes immer noch 40 Tage Hoftrauer herrschten und diese bestand in der Unterlassung von Festgelagen und Jagden. Es mochte auffällig wirken, dass Mithridates angesichts des Todes seines Vaters keinerlei Trauer zeigte, doch kam dies dadurch, dass er sich vollkommen auf die Sicherstellung seiner kommenden Herrschaft konzentriert hatte, für Trauer war hier einfach kein Platz in seinen Augen. Erst wenn alles erledigt war würde er entscheiden, ob er trauern würde.


    Nun gut, jetzt wo Phraates tot war wurde es auch an der Zeit ein wenig im Harem auszumisten, die Konkubinen seines Bruders z.B. wurden ja jetzt nicht mehr benötigt. So schritt wenig später der neue Großkönig mit fünfzehn Soldaten in den Harem und befahl ihnen: "Sammelt alle Konkubinen meines Bruders ein und führt sie in ein geräumiges bewachtes Zimmer im Palast. Die Adeligen sollen ihren Familien zurückgegeben werden, den Rest verkauft am Sklavenmarkt!" So stand Mithridates mitten im Harem und beobachtete wie die Soldaten ausschwärmten, um die Konkubinen des Phraates zusammenzutreiben. Keineswegs gewalttätig, denn meist reichten schon ein paar feste Worte durch die Soldaten, dass die betreffenden Damen aufstanden und mitgingen.


    Sim-Off:

    Hazarbed = parthischer Hoftitel, entspricht einem Premierminister, Oberhaupt der Zentralverwaltung, Kommandant der königlichen Leibwache, Berater und Vertrauter des Großkönigs

    Die ganze Familie, viele der Konkubinen und große Teile der Dienerschaft war um Großkönig Osroes Totenbett versammelt, als er starb. Schwer waren seine letzten Momente gewesen und erst nachdem Ahura Mazda seinen Lebensfunken von ihm genommen hatte, zeigten sich Spuren der Entspannung und des inneren Friedens auf dem königlichen Antlitz. Der königliche Niwedbed hielt Osroe einen Spiegel vor dem Mund, um zu sehen ob er beschlug. Als die Spiegelfläche jedoch klar blieb, wandte er sich an die übrigen Versammelten im Raum und verkündete: "Der König der Könige ist tot! Lang lebe sein Erbe, Schahanschah Phraates V.!" Der Zeremonienmeister ließ sich als Zeichen der Verehrung auf Knie und Bauch niedersinken und presste seine Stirn und die Lippen gegen den Boden und die ersten Mitmenschen hatten schon begonnen es ihm gleich zu tun, um auch ihrerseits dem neuen Großkönig Respekt und Verehrung entgegenzubringen, als da ein Ruf durch den Raum schallt. "Nicht so schnell!"


    Alle wandten sich nach dem Rufer um, selbst jene die sich schon zu Boden geworfen hatten, obwohl sie sich gemäß des Hofzeremoniells eigentlich erst wieder erheben durften, wenn der König der Könige es ihnen erlaubte, doch auf diese kleine Formalie achtete im Moment niemand. Alle Augen waren auf Prinz Mithridates gerichtet. Dieser stand hoch aufgerichtet dar und rief: "Ich beanspruche den Thron meines Vaters! Ich bin neuer Schahanschah!" Auf diese ungeheuerliche Nachricht hin wandten sich einige an Phraates, um zu sehen wie er reagierte. Zorn und Verwunderung waren diesem ins Gesicht geschrieben. Also sollte sich Vaters Prophezeiung doch noch erfüllen. Mithridates, sein eigener Bruder fiel ihm in den Rücken!

    Denn eigentlich hatte Phraates nicht daran geglaubt und daher auch Vaters Rat nicht wirklich befolgen wollen, da er darauf vertraut hatte, dass die brüderliche Liebe und ihr Zusammenhalt stärker als die Gier nach der Macht wären, genauso wie man das aus all den griechischen Sagen eben kannte die er so gern las, doch nun musste er vielleicht etwas zu spät die wahre Natur seines kleinen Bruders erkennen. Mithridates war eine Schlange, dem sein Bruder nichts bedeutete!

    Phraates' Herz zog sich zusammen vor Schmerz, als ihm bewusst wurde, dass er jetzt wirklich nach dem Willen Osroes handeln musste, denn natürlich erwartete sein Volk eine angemessen harte Reaktion von ihm auf diesen Frevel. "Hauptmann Arsames! Nehmt meinen Bruder gefangen!" So sollte er also wirklich den Tod finden, noch bevor dieser Tag vorüber war.


    Doch der Hauptmann der königlichen Wache rührte sich nicht. Als kleines Detail am Rande war vielleicht auch noch zu bemerken, dass Arsames aus dem Hause Spandiyadh kam. So hob er seinen Speer und rief: "Lang lebe Mithridates, König der Könige!" Phraates wollte seinen Ohren nicht trauen. Auch der Hauptmann versagte ihm die Treue! "Nehmt meinen Bruder und diese Ratte von Hauptmann gefangen! Euer König wünscht es so!" Zwei oder drei der Soldaten der Königswache und auch zwei etwas weiter verwandte Großonkel aus der königlichen Familie setzten sich wirklich in Bewegung, um dem Befehl Folge zu leisten, doch der Großteil der Leibgarde zog auf ein Kommando Arsames' ihre Schwerter und brachten sich in Stellung. Ehe diejenigen, die Phraates' Weisung gefolgt waren, wirklich wussten wie ihnen geschah, waren sie von Arsames' Männern niedergemacht worden. Blut lief über den Boden und bildete schnell große Pfützen, während viele der Frauen vor Angst zu schreien begannen und zurückwichen. Mit einem kalten Blick stierte Mithridates Phraates an. "Nehmt meinen Bruder gefangen und werft ihn in den Kerker. Morgen um diese Zeit soll er hängen!" Arsames wies auf Phraates, woraufhin sich die Soldaten der königlichen Wache dieses Mal wirklich in Bewegung setzten, um dem Befehl Folge zu leisten. Phraates stand wie vom Donner gerührt dar und verstand die Welt nicht mehr. In einem Moment war er noch zum König der Könige ausgerufen worden und schon wenig später versagten ihm alle die Gefolgschaft. Offenbar hatte es sein Bruder besser verstanden Komplotte zu schmieden und sich der Unterstützung der großen Familien zu versichern, während er selbst lieber die Gegenwart seiner griechischen Philosophen und Konkubinen vorgezogen hatte. Widerstandslos ließ er sich abführen, immer noch über die Maße verstört über die rasante Entwicklung der letzten Ereignisse. Obwohl sein kleiner Bruder niemals etwas von ihres Vater Weisung an Phraates erfahren hatte, so hatte er am Ende sogar diese rascher und besser umgesetzt, als er selbst es je vermocht hätte...


    Nachdem Phraates aus dem Thronsaal geführt worden war blickte Mithridates zum Niwedbed, der immer noch neben dem Totenbett Großkönig Osroes stand. "Sag an, wer ist nun König der Könige?" Der Zeremonienmeister wusste natürlich, dass es nur eine richtige Antwort auf diese Frage gab (wobei er seinen Kopf vermutlich so oder so verlieren würde, nachdem er ja schon Phraates zum neuen Großkönig ausgerufen hatte) und so warf er sich mit Knie und Bauch erneut zu Boden, presste Stirn und Lippen auf diesen und rief: "Der König der Könige ist tot! Lang lebe sein Erbe, Schahanschah Mithridates V.!" Alle übrigen im Raum taten es dem Niwedbed gleich (die Unglücklicheren unter ihnen mussten dies in den Blutlachen der getöteten Familienmitglieder und "abtrünnigen" Leibwachen tun) und wiederholten immer wieder im Sermon "Lang lebe Schahanschah Mithridates V."

    Zufrieden stand Mithridates dar und beobachtete, wie alle Leute ihn zu seinen Füßen anbeteten. "Bereitet alles für das königliche Begräbnis meines seligen Vaters vor. Und schickt Boten zu allen Satrapen und Vasallenkönigen auf dass sie sich in die Hauptstadt zu meiner Krönung begeben mögen!"


    Sim-Off:

    Niwedbed = Zeremonienmeister am parthischen Hof. Empfängt die Boten für den Großkönig, prüft Audienzen beim Großkönig